
Posteingang, 5. Dezember 2024
Die Kulturabteilung der Stadt Hohenems bittet um ein Statement hinsichtlich meiner Juryarbeit. Welcher Aspekt sei mir besonders wichtig bei der Bewertung der Einreichungen für den Hohenemser Literaturpreis – ein Preis, mit dem Autor:innen ausgezeichnet werden, deren Erstsprache nicht (nur) Deutsch ist. Ich antworte: „Was mich an einem Text besonders zu begeistern vermag, ist eine eigene Stimme abseits gängiger Trends, literarische Sorgfalt und eine anständige Prise Humor. Gleichzeitig habe ich große Freude daran, wenn diese und weitere Kriterien in der Bewertung von Literatur in einer angeregten und hitzigen Jurydiskussion ordentlich ins Schwanken gebracht werden.“ Ja, das kann man so stehen lassen.
Mein Sofa, mein Tisch, mehrere Wiener Kaffeehäuser, März/April 2025
Ich lese und ich lese viel. Jedes Jurymitglied – wir sind zu dritt, ich bestreite diese Arbeit gemeinsam mit der Literaturwissenschaftlerin Veronika Schuchter und der Autorin und Filmemacherin Susanne Ayoub – erhält je etwa 70 Texte. Eine Einreichung darf die Länge von 10 Seiten nicht überschreiten, eine Themenvorgabe gibt es nicht. Jede:r von uns wählt drei Favoriten aus, so dass wir am Ende auf eine Shortlist von neun Texten kommen, über die wir dann gemeinsam sprechen. Die Texte sind anonymisiert, was ich einerseits sehr reizvoll finde, andererseits aber dazu führt, dass ich abschweife und über Geschlecht und Herkunft spekuliere, wo ich doch eigentlich über Formen und Inhalte nachdenken sollte.
Zoom-Call, 5. Mai 2025
Die Jurydiskussion findet via Zoom an einem Montagvormittag statt. Leider nur online, doch wir wohnen alle an verschiedenen Orten; Hohenems liegt weit im Westen Osterreichs, über sieben Zugstunden entfernt. „Analoge“ Gespräche machen natürlich mehr Spaß, bieten häufig mehr Zeit und entwickeln mitunter eine ganz eigene, interessante Dynamik. Aber it is what it is und wir machen das beste draus. Über die jeweilen Positionen und Präferenzen darf ich an dieser Stelle kein Wort verlieren, denn so eine Jury-Diskussion findet unter wenigen Augen statt. Was jedoch bereits wenige Tage nach unserer Abstimmung verraten wird: Die in Shiraz geborene Autorin Aisouda Hoshiyar gewinnt den Hohenemser Literaturpreis 2025 mit ihrem Text Your hands are my home.

Literaturhaus Vorarlberg in Hohenems, 5. Juni 2025
Ich bin das erste Mal in meinem Leben in Vorarlberg. Es regnet, mein Hotel liegt ein wenig abseits in einem Gewerbegebiet, doch die kleine Innenstadt ist recht pittoresk. An jeder Ecke scheint es ein Museum zu geben. Gerade das Jüdische Museum gefällt mir sehr gut, auch das angeschlossene Café ist schön. Am Abend vergeben wir den Preis an Aisouda Hoshiyar, es ist eine schöne Veranstaltung. Vorab nehmen Studierende der Universität Innsbruck für den Podcast Auf Buchfühlung ein Gespräch mit Susanne Ayoub und mir auf. Die ganze Folge – in der selbstverständlich auch die Preisträgerin zu Wort kommt – kann man hier abrufen.
In Hohenems lerne ich auch Frauke Kühn und ihr engagiertes Team vom Literaturhaus Vorarlberg kennen. Das Haus wurde über einen langen Zeitraum renoviert (einige Arbeiten sind noch nicht abgeschlossen) und hat erst in diesem Jahr eröffnet. Ein imposantes Gebäude mit einem interessanten, erstaunlich offenen Konzept. Das Literaturhaus produziert zudem einen eigenen Podcast unter dem Titel Radetzkystraße 1 (die Adresse des Hauses). Darin geht es um ganz unterschiedliche Themen, die die Literaturwelt betreffen. In „meiner“ Ausgabe – wir haben direkt vor Ort aufgenommen – spricht Frauke Kühn mit mir, aber auch mit Bettina Schabert und Mirai Mens, über das Buchbloggen. Zum Podcast gelangt man unter folgendem Link.
