Ismail Kadare: Der Anruf

By 08.02. 2026 Bücher

Klassische Whodunnit-Romane aus dem goldenen Zeitalter der Kriminalliteratur enden für gewöhnlich folgendermaßen: Ein beherzt schrulliger Kommissar oder Privatdetektiv lädt alle Tatverdächtigen an den Ort des Verbrechens, steckt sich eine Zigarre an, leert eine Flasche Bourbon und geht dann die möglichen Szenarien durch, die zum tragischen Ableben des Opfers führten. Dabei scheint jedes noch so kleine Detail relevant. Natürlich haben sämtliche Personen im Raum ein veritables Motiv, das macht die Sache so richtig hübsch vertrackt. Doch siehe da: Eine Handvoll Plot-Twists später werden Täter oder Täterin dann erfolgreich überführt und mit DIESER Auflösung hätte nun wirklich niemand gerechnet!

Nun ist Der Anruf – übersetzt von Joachim Röhm und erschienen im S. Fischer Verlag, 2025 – des ewigen albanischen Nobelpreiskandidaten Ismail Kadare (1936 – 2024) zwar kein Kriminalroman, gewisse Parallelen zu einer klassischen Detektivgeschichte sind aber dennoch nicht zu leugnen. Das Buch, dem die selten gebrauchte Genrebezeichnung Untersuchungen vorangestellt ist, widmet sich dem wohl berüchtigtsten Telefonat der Literaturgeschichte: Kurz nach der Verhaftung von Osip Mandelstam im Mai 1934 (er hatte einige Monate zuvor ein Schmähgedicht gegen Josef Stalin verfasst), rief der sowjetische Diktator höchstpersönlich bei Boris Pasternak an, um ihn in der Sache zu befragen.

Obwohl die Umstände und der konkrete Wortlaut des Gesprächs nicht gesichert sind, wurde lange Zeit angenommen, Pasternak habe sich in dieser Situation nicht ausreichend für seinen Schriftstellerkollegen eingesetzt und sei letztlich mitverantwortlich für das Schicksal Mandelstams, der wenig später in die Verbannung geschickt und 1938 im Alter von 47 Jahren – unterernährt und herzkrank – in einem sowjetischen Lager ums Leben kam.

„Die Zweifel an der ganzen Geschichte sind ständig gewachsen. Den Anruf selber hat nie jemand in Frage gestellt, die Auswirkungen aber schon, im positiven wie im negativen Sinn. Letztlich geht es darum, wie der Dichter vor dem kommunistischen Fürsten, der Geschichte und dem eigenen Gewissen dasteht.“

Ismail KadareDer Anruf

Über das Telefonat zwischen Stalin und Pasternak werden mittlerweile seit Jahrzehnten unterschiedlichste Spekulationen angestellt. Slavoj Žižek nennt die Unterredung „die wohl ultimative mythische Anekdote aus der stalinistischen Ära“. Die Episode stößt auch heute noch auf Interesse, weil es darin nicht nur um die persönliche Integrität und das individuelle Verhalten Pasternaks geht, sondern weil sich viel größere, allgemeinere Fragen an dieses Gespräch anschließen: beispielsweise nach der Funktionsweise des stalinistischen Terror oder dem konfliktreichen Verhältnis von Machtapparat und Intelligenzija, also den Schriftsteller:innen und Intellektuellen.

Ismail Kadare beschäftigten das Telefonat und die damit verbundenen Fragen und Debatten rund um Pasternak spätestens seit seiner Zeit am Gorki-Institut in Moskau, wo er von 1958 bis 1960 (in diesem Jahr kam es zum Abbruch der politischen Beziehungen Albaniens zur Sowjetunion) studierte. Seine Zeit in Moskau und die damalige politisch motivierte Hetzkampagne gegen Pasternak – die dazu führte, dass dieser den Literaturnobelpreis 1958 nicht annehmen konnte – verarbeitete Kadare bereits in seinem Roman Die Dämmerung der Steppengötter aus dem Jahr 1978.

Mit der Arbeit an diesem Roman Mitte/Ende der 1970er Jahre setzt nun Der Anruf ein. Das erste Kapitel erinnert daran, wie heikel die Veröffentlichung ehedem war. Zwar wurde der Text von der albanischen Zensur wohlwollend als „literarische Ohrfeige für Moskau“ bewertet – doch die dem Roman eingeschriebene Kritik ließ sich auch auf Albanien auslegen. Der Roman war somit ein Risiko. „[E]s gab vieles, das bei uns sehr ähnlich war. Eigentlich alles“, heißt es im Text.

Kadare deutet an dieser Stelle auch seine eigene problematische Nähe zum Hoxha-Regime an, geht in der Folge aber nicht näher darauf ein. Eine versäumte Gelegenheit, für einige Leser:innen vielleicht eine Enttäuschung. Denn Kadare, der sich als Dissident verstand, wurde immer wieder – mit teils schlagenden Argumenten – vorgeworfen, selbst Nutznießer des Systems und Protegé des Diktators Enver Hoxhas gewesen zu sein. Doch sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Buch fällt nicht in den Bereich der Bekenntnisliteratur. Kadares eigene Verstrickungen mit der Macht stehen in diesem autobiographischen Text schlichtweg nicht im Fokus. Stattdessen geht es ihm um das Telefonat zwischen Stalin und Pasternak, da er das Bedürfnis habe, „Zeugnis abzulegen, auch dort, wo es eigentlich nicht möglich schien.“

„Ob durch Zufall oder Absicht, jedenfalls hatte ich etwas miterlebt und war nun verpflichtet, diesen fatalen zweihundert Sekunden auf den Grund zu gehen, die Tyrann oder Dichter nach den Regeln der Tragödie zusammengebracht hatten.“

Ismail KadareDer Anruf

Um diesem Ziel nachzugehen, schlüpft Kadare fortan in die Rolle eines peniblen Kommissars. Den Fall wird und kann er nicht lösen, die Beteiligten sind alle verstorben. Doch er kann Aussagen zusammentragen, Indizien verfolgen und mögliche Tathergänge rekonstruieren. Insgesamt dreizehn mögliche Szenarien, die sich teilweise grundlegend voneinander unterscheiden, schildert er im Anruf. Die meisten dieser Versionen wirken durchaus plausibel. Das macht den Fall so kompliziert, gleichzeitig aber auch furchtbar interessant. Vor allem, weil jede weitere Auslegung neue Details und Perspektiven hervorbringt.

Kadare beruft sich in seinen Untersuchungen auf eine Vielzahl an Quellen: Artikel und Monographien, überlieferte Aussagen, Tonbandaufzeichnungen und Memoiren. Zu Wort kommen im Buch – um nur einige zu nennen – so illustre Persönlichkeiten wie die Großnichte von Tschaikowski, der Autor Boris Schklowski, die berühmte Lyrikerin Anna Achmatowa, der Philosoph Isaiah Berlin oder die für ihre Autobiographie Das Jahrhundert der Wölfe bekannte Nadeschda Mandelstam.

Gerade denjenigen, denen diese Namen nicht geläufig sind, sei Kadares Buch empfohlen. Denn abseits vom eigentlichen Untersuchungsgegenstand liefert der Band einen mitreißenden Crashkurs in russischer Literaturgeschichte. Dazu trägt unbedingt auch der hervorragende, ganze 17 Seiten umfassende Anmerkungsapparat von Joachim Röhm bei. Und so erhält man mit Kadares letzter Veröffentlichung vielleicht nicht das, was man erwartet hat. Aber man bekommt doch eine ganze Menge.

[Die Photos für diesen Beitrag entstanden im Juni 2025 im Zentrum für zeitgenössische Kunst Wiels in Brüssel. Sie zeigen das Werk The End of Imagination II des argentinischen Künstlers Adrián Villar Rojas, das im Rahmen der Ausstellung Magical Realism: Imagining Natural Dis/order gezeigt wurde.]

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