Marina Vujčić: Sicheres Haus

By 17.03. 2026 Bücher

[Dieser Beitrag erschien am 11. März 2026 in leicht abgeänderter Form als Radiokritik in der Sendung Büchermarkt im Deutschlandfunk. Unter diesem Link kann man den Beitrag hören.]

Ein unerhörtes Ereignis: Eine junge Frau tötet ihren Ehemann, den Vater ihrer vierjährigen Tochter, mitten in einem ruhigen Wohnviertel in Zagreb. Ein grausames, fürchterliches Verbrechen, der Tatort voller Blut, informiert eine Fernsehreporterin. Was für eine Tragödie, befindet eine Nachbarin, ab und an habe man Schreie und Schläge gehört, doch der Mann, ein angesehener Universitätsprofessor, sei ein feiner Herr gewesen. Und ein guter Kunde, pflichtet ihr die Verkäuferin eines nahegelegenen Geschäftes bei, oft habe er teure Weine und Spirituosen bei ihr eingekauft. Die Frau hingegen, immer ein wenig seltsam und distanziert, weiß ein Anwohner zu berichten, nie habe er sie mit ihrer Tochter auf dem Spielplatz gesehen.

Die Stimmen der anderen. Marina Vujčićs Roman Sicheres Haus (Residenz Verlag, 2026) setzt ein mit zahlreichen Äußerungen von Unbeteiligten, die sich zu einem Mordfall äußern, der das ganze Land in Aufruhr versetzt. Sie mutmaßen über Motive, betrauern das Opfer und gehen hart mit der Täterin ins Gericht, noch bevor diese zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt wird. In der Justizvollzugsanstalt erzählt die junge Mutter mit dem Namen Lada Lončar nun selbst ihre Geschichte. Dabei ringt sie um eine hierfür geeignete Sprache und Perspektive und entscheidet sich dann letztlich für einen nüchtern gehaltenen, reportagehaften Bericht in der Du-Form.

„Es ist keine Stimme in der ersten Person, obwohl es deine Stimme ist. Du hast keine Rechtfertigung, in der ersten Person zu sprechen, du hast das Gefühl, von dir ist nichts mehr übrig, was dir dazu das Recht verleihen würde. Du wendest dich an sie, an die Frau, die ihren Ehemann getötet hat, so als wäre die Rede nicht von dir – denn für dich selbst hast du weder Gnade noch Mut übrig. Du kannst dich selbst nur noch von außen begreifen.“

Marina VujčićSicheres Haus

Lada lernt ihren späteren Ehemann an der Universität kennen. Sie ist Ende 20, er knapp zehn Jahre älter. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Er schenkt ihr Blumen, lädt sie zu Ausflügen ein, schnell ziehen die beiden in eine gemeinsame Wohnung. Rückblickend schämt sie sich dafür, die schleichenden Veränderungen in ihrer Beziehung zunächst kaum wahrgenommen zu haben. Denn schon nach wenigen Monaten entpuppt sich ihr Ehemann als manipulativ, besitzergreifend und gewalttätig – getrieben von Eifersucht, überwacht und kontrolliert er bald jeden Aspekt ihres Lebens, untersagt ihr den Kontakt zu anderen.

Mehrfach versucht sich Lada aus der Bindung zu lösen, sucht Hilfe bei ihren Eltern und kontaktiert eine der wenigen Freundinnen, die ihr noch geblieben sind. Und kehrt doch immer wieder zu ihrem Ehemann zurück, der sie mit dem gemeinsamen Kind erpresst, irgendwann sogar eine Krebserkrankung vortäuscht. Jeder Ausweg, jede Hoffnung scheint der Protagonistin verwehrt.

„Zu diesem Zeitpunkt hattest du schon sämtliche menschlichen Bedürfnisse hinter dir gelassen. Was du dir herbeisehntest, so wie andere Menschen sich eine Reise oder einen Kinofilm wünschen, war bloß ein Tag ohne die Angst, dass wieder alles schieflaufen würde. Du hattest dich schon daran gewöhnt, dass in einem Augenblick alles scheinbar idyllisch sein konnte und ihn im nächsten ein unschuldiger Satz völlig aus der Fassung bringen konnte.“

Marina VujčićSicheres Haus

Mit sparsam eingesetzten literarischen Mitteln – Parallelkonstruktionen und Wortwiederholungen etwa – gelingt es Marina Vujčić, die Gewaltspirale innerhalb der Beziehung aufzuzeigen und eine bedrückend klaustrophobische Atomsphäre zu erzeugen. Diese wird umso beklemmender, als dass der Roman an vielen Stellen auch über die reale strukturelle Benachteiligung von Frauen informiert, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden.

Sicheres Haus, sorgfältig übersetzt von Mascha Dabić, ist ein einnehmender, zudem hervorragend recherchierter Roman. Die Autorin hat für ihr Buch viele Gespräche geführt, insbesondere mit Inhaftierten. Gerade den Gefängnisalltag ihrer Protagonistin weiß Vujčić daher detailliert und anschaulich zu beschreiben. Auch die Passagen zur gesellschaftlichen, politischen und juristischen Situation von Frauen sind fundiert und informativ. Zweifellos leistet Marina Vujčić in ihrem Werk wichtige Aufklärungsarbeit.

Das allzu offensichtliche gesellschaftspolitische Anliegen der Autorin sorgt jedoch dafür, dass sie nicht selten auf notwendige Zwischentöne, Brüche und Ambivalenzen verzichtet. Dies zeigt sich insbesondere in der Figurenzeichnung, denn vielen Charakteren des Romans fehlt es an Tiefe und Komplexität. Hier spielt jeder die ihm zugewiesene Rolle: Der Ehemann ist ein nimmermüdes, grauenhaftes Monster, Arbeitskolleg:innen und Nachbar:innen verschließen vor der Gewalt die Augen, selbst die Eltern wollen sich in die Angelegenheiten ihrer Tochter nicht einmischen und verweigern konsequent die Hilfe. Im echten Leben lässt sich ein solches Verhalten viel zu oft beobachten; in einem literarischen Text aber wirkt es bisweilen klischeehaft und vorhersehbar. So auch hier.

Dessen ungeachtet war der Roman in Kroatien ein großer Erfolg. Dort löste das Buch zahlreiche Debatten über häusliche Gewalt und den notwendigen Schutz von Betroffenen aus. Im vergangenen Jahr wurde Sicheres Haus in Zagreb sogar für die Theaterbühne adaptiert und sorgt auf diese Weise weiterhin für Gesprächsstoff.

Die Photos für diesen Beitrag entstanden in der Galerie Franz Josefs Kai 3 – Raum für zeitgenössische Kunst in Wien. Sie zeigen eine Arbeit des US-amerikanischen Künstlers Scott Clifford Evans.

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