
Auch die Landschaft ist verwundet, hingeworfen und liegengelassen. Die Häuser zerbombt und geplündert. Irgendwie richtet man sich ein, rückt zusammen, unterstützt einander beim Wiederaufbau. Doch es fehlt an vielem, es fehlt an vielen. Die Großmutter ermordet und in den Fluss geworfen, der Großvater noch da. Da flüchtet seine Tochter Lenka zu ihm, verlässt ihre Wohnung in Zagreb, bringt ihre Kinder Iris und Relja mit. Es gibt auch einen Vater, der taucht auf und wieder ab, ist geschäftig im In- und Ausland, krumme Geschichten, sagen die Leute, was auch immer das bedeuten mag.
Irgendwie richtet man sich ein, Ende der 90er Jahre, in einer kleinen kroatischen Gemeinde, unweit von Bosnien, kurz nach dem Krieg. Der Krieg ist vorbei, also längst nicht vorbei, durchdringt alles und jede/n, auch den Text der jungen kroatischen Schriftstellerin und Journalistin Ena Katarina Haler: Die Schuldlosen (Folio Verlag, 2026). Es ist der zweite Roman der 1996 in Osijek geborenen Autorin, ihr erster in deutscher Übersetzung. Klaus Detlef Olof hat den dicht verzweigten Text in ein verwunschenes Deutsch übertragen.
„Unangenehm und schön“ nennt der unlängst mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung ausgezeichnete Autor Miljenko Jergović den anspruchsvollen Roman, den man sich ein wenig erarbeiten muss. In den man hineinkippt und dann wieder hinausfällt und zu dem man zurückkehrt, um dann erneut … Na Sie wissen schon!
Ena Katarina Halers Die Schuldlosen ist ein Text, der sich wiederholt und auf vielfältige Weise als Literatur und Fiktion ausweist. Dies von Anfang an: Der Roman beginnt mit einem Prolog, in dem eine Erzählerin ihre Mutter besucht, die allerhand Dinge, meist Erinnerungsstücke, für sie aufbewahrt. In ihrem ehemaligen Zimmer entdeckt sie ein altes illustriertes Kinderbuch mit griechischen Mythen. Darin findet sich auf wundersame Weise die Geschichte bzw. der Roman, der sich dann in der Folge vor den Leser:innen entfaltet. Ein Buch im Buch. Und ein Buch, in dem dann und wann einzelne kurze Absätze in Versform formuliert sind. Ein hübscher Verfremdungseffekt, der daran erinnert, dass man es hier mit einem literarischen Werk und einer fiktiven Erzählung zu tun hat.
”„Die Geschichte, die nun folgt, ist der Mythos, abgeschrieben aus meinem Kinderbuch, und ich schreibe ihn mit voller Verantwortung ab, in der Hoffnung, dass ihn jemand erkennt, dass sich jemand an ihn erinnert und – was ich mir wünschen würde – mir die ganze Situation mit diesem Buch und dem Mythos und alles zusammen erklärt.“
Ena Katarina HalerDie Schuldlosen
Das Buch erzählt von zahlreichen Figuren, Gebliebenen und Zurückgekehrten, Alten und Jungen, schweift ab und lässt sich Zeit. Lässt Dinge stehen, lässt Dinge aus. Viele kleine, miteinander verzahnte Geschichten entfalten sich; eine Handlung im engeren Sinne gibt es nicht. Eine Art Zentrum ist dennoch vorhanden: die ganz sonderbare Dreierkonstellation der jugendlichen Protagonist:innen, dem Geschwisterpaar Iris und Relja sowie dem Nachbarsjungen Nino. Der Roman kreist um ihr Aufwachsen, das Ende ihrer Kindheit und das Ende der Unschuld, so es das überhaupt gibt. Auf dem Cover der deutschsprachigen Ausgabe ist der Titel Die Schuldlosen durchgestrichen, nicht so im Original.
Halers Text ist schwer zu greifen, doch es ist nicht falsch, das Buch als einen (unkonventionellen) Coming-of-Age-Roman zu bezeichnen. Die drei Jugendlichen wachsen gemeinsam in den Kriegstrümmern auf, schmieden Pläne für die Zukunft, entdecken das Leben, sich selbst und ihre Körper. Begehren und Sexualität spielen im gesamten Text eine große Rolle. Haler widmet sich diesen Themen, ohne zu moralisieren; insofern führt der große, aufgeladene Titel des Romans womöglich in eine falsche Richtung. Ganz selbstverständlich erzählt der Text von queerem Verlangen und devianten Praktiken; ganz selbstverständlich erkennt er auch im vermeintlich Abseitigen Liebe und Schönheit [On a sidenote: In meinem Buchphoto ganz oben, entstanden in der Heidi Horton Collection in Wien, erkenne ich das Plakat von American Beauty. Der Film kam 1999 in die Kinos, genau in dem Jahr, in dem Halers Roman einsetzt.].
”„Es war eine gute Zeit, um wegzugehen, jedenfalls war es Wahnsinn, zu bleiben. Diejenigen, die bleiben, sterben, und es ist auch nicht schlecht, einen Ort zum Sterben zu haben. Dass es solche Orte wie Sand am Meer gibt, war ihnen nicht bewusst.“
Ena Katarina HalerDie Schuldlosen
So ungewöhnlich die Dreiecksbeziehung, so gewöhnlich ihr Ausgang: Geheimnisse, Vertrauensverlust, Sprach- und Perspektivlosigkeit. Und doch alles anders. Viele Menschen verlassen am Ende den kleinen Ort, tot oder lebendig. Wer zurückbleibt, ist Iris. Sie wird zum hoffnungslosen Fall, sucht Trost in unzähligen, unverfänglichen Männerkontakten. Doch das ist eine andere Geschichte. Und nimmt zu viel vorweg. Indes: Die Schuldlosen sind furchtlos und überraschend, durchtrieben und vielschichtig, sexy und abstoßend. Streckenweise will der Text zu viel, ist zu überladen und verworren. Man nimmt es Ena Katarina Haler kaum übel. Hier ist schon vieles angelegt, noch mehr zu erwarten.
Im Rahmen des Programms Donau – Unter Strom und zwischen Welten auf der Leipziger Buchmesse habe ich im März 2026 die kroatische Schriftstellerin Ena Katarina Haler sowie den serbischen Autor Bojan Krivokapić moderiert. Gedolmetscht wurde die Veranstaltung von Elvira Veselinović. Die Photos auf der Buchmesse hat Nadja Mulser vom Folio Verlag gemacht.
