Lavinia Branişte: Du findest mich, wenn du willst

By 22.02. 2026 Bücher

[Dieser Beitrag erschien am 16. Februar 2026 in leicht abgeänderter Form als Radiokritik in der Sendung Büchermarkt im Deutschlandfunk. Unter diesem Link kann man den Beitrag hören.]

Fast, aber nur fast, beginnt der neue Roman der rumänischen Autorin Lavinia Branişte wie eine romantisch verträumte Liebesgeschichte: Maria – Protagonistin und Ich-Erzählerin von Du findest mich, wenn du willst (übersetzt von Manuela Klenke und erschienen im Mikrotext Verlag, 2026) – macht sich für ein Bewerbungsgespräch auf den Weg nach Amsterdam. Während sie in Bukarest auf ihren Flieger wartet, begegnet ihr Blick dem eines Mannes am Tisch gegenüber. Die beiden lächeln einander an, verlieren sich wenig später jedoch wieder aus den Augen. Dann sitzt er plötzlich neben ihr und stellt sich als Victor vor. Seinen Platz in der ersten Klasse hat er eingetauscht, um den Flug an ihrer Seite zu verbringen.

Schnell entspinnt sich ein inniges Gespräch. Maria und Victor reden über alles Mögliche, entdecken dabei viele Gemeinsamkeiten. Es ist zu schön, um wahr zu sein. Und das ist es auch nicht. Denn das Ende dieser Liebesbeziehung, die etwa zweieinhalb Jahre andauern wird, ist in deren Anfang bereits eingeschrieben: Ein wenig zu geheimnisvoll erzählt Victor von seinem Job, fast schon besitzergreifend streicht er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Auch symbolisch deutet die Autorin schon auf Späteres hin: Maria sitzt gleich beim Notausgang. Und in gewisser Weise handelt der gesamte, im Rückblick erzählte Roman davon, wie es der Protagonistin nach vielen Versuchen doch noch gelingt, die schwere Tür aufzustoßen, um sich aus der gewaltvollen, manipulativen Bindung an Victor zu befreien.

„Lange Zeit dachte ich, er wäre wirklich fasziniert von mir. Doch als alles zusammengebrochen war, als der Schmerz vorbei war und die Wut einsetzte, blickte ich mit anderen Augen zurück. Und ich fragte mich, ob er nicht eher von sich selbst fasziniert war und von seiner Fähigkeit, sich auf natürlichste Weise zu verstellen. Er war daran interessiert, seine eigenen Fähigkeiten zu trainieren, Menschen zu durchschauen, ihr Verhalten vorherzusagen und ihnen genau die Masche zu liefern, die sie haben wollten.“

Lavinia BranişteDu findest mich, wenn du willst

Lavinia Branişte wurde 1983 im Südosten Rumäniens geboren und lebt seit vielen Jahren als Autorin und Übersetzerin in Bukarest. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie in ihrer Heimat mit zahlreichen Preisen bedacht. Vielen gilt sie als eine der wichtigsten Stimmen ihrer Generation. Das ist insofern interessant, als dass ihre Texte ganz unscheinbar daherkommen: Nüchtern im Ton, ohne große Gesten, aber immer genau beobachtet und mit einem großen Interesse für das Alltägliche, in dem auch Nebensächlichkeiten ihren Platz haben. Branişte erzählt Geschichten, die jedem – oder präziser: jeder passieren könnten. Denn sämtliche ihrer Romane widmen sich den Lebensrealitäten junger Frauen im heutigen Rumänien.

Eine dieser Frauen ist Maria, die sich schrittweise in eine hochproblematische Beziehung verstrickt: Auf Anraten von Victor gibt sie ihren Job auf, zieht zu ihm in einen schlecht angebundenen Vorort und macht sich immer stärker von ihm abhängig. Sie ist für ihn da, wenn er sie braucht. Doch er braucht sie nicht immer und das lässt er sie spüren. Zuneigung und Fürsorge wechseln sich ab mit Unnahbarkeit, Demütigungen, selbst körperlichen Übergriffen. In dieser Situation denkt Maria nicht nur über ihre eigene Partnerschaft nach, sondern beschäftigt sich zudem mit der konfliktreichen Beziehung ihrer Eltern, auch, um möglichen Prägungen nachzugehen. Ihr Vater hatte jahrelang und mit größter Selbstverständlichkeit eine Affäre mit einer anderen Frau. Ohne Konsequenzen.

„Die Affäre meines Vaters brachte mich immer in Verlegenheit. Denn insgeheim war er mein Lieblingselternteil, aber ich hasste ihn für das, was er tat. Dass er eine andere liebte, konnte ich verstehen, aber mir war unklar, weshalb er keinen Schlussstrich zog. Anfangs wünschte ich mir, er würde die Andere verlassen. Später wünschte ich mir, er würde sich von meiner Mutter trennen. Meine Mutter wollte von Scheidung nichts hören. Sie kam mit der Situation, so wie sie war, besser klar.“

Lavinia BranişteDu findest mich, wenn du willst

Abhängigkeiten, Machtgefälle, emotionale und körperliche Gewalt in Beziehungen und deren gesellschaftliche Akzeptanz. In Du findest mich, wenn du willst greift Lavinia Branişte virulente gesellschaftliche Themen auf, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern. Konsequent verzichtet ihr von feiner Ironie durchzogener Text auf Klischees und einfache Antworten. Das Buch wägt ab, geht vielen Spuren nach und nimmt sich Zeit. Teilweise auch zu viel Zeit, denn die Autorin verliert sich mitunter in Details. Einige Kürzungen hätten dem Text gewiss gutgetan.

Und doch: Über weite Strecken hält das Buch die Spannung. In diesen Momenten geht Braniştes entschleunigtes Erzählen völlig auf und erweist sich als erstaunlich wirkungsvoll. Indem sie auf Zwischentöne und Nebenschauplätze setzt, gelingt es der Autorin immer wieder, eine Atmosphäre der Latenz zu schaffen – eine gespenstische Ruhe, die über allem schwebt und dem Roman Spannung und Dringlichkeit verleiht.

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