Dubravka Ugrešić: Füchsin

By 21.05. 2026 Bücher

„In der westlichen und östlichen folkloristisch-mythologischen Imagination ist der Fuchs bzw. die Füchsin fast immer ein Trickster, eine Betrügerin, er oder sie erscheint aber auch als Dämon, als Hexe, als ,verfluchte Braut‘ oder, wie in der chinesischen Mythologie, als verstorbene menschliche Seele in Tiergestalt.“

Dubravka UgrešićFüchsin

Ohne viel Aufsehen zu erregen, flüchtet das listige Füchslein über Felder und durch Flüsse, landet in seinem Versteck und lacht sich viermal ins Fäustchen. Aber das kann ich nur vermuten, denn immerfort verliere ich das Tier aus dem Blick. Flink ist es verschwunden, flink taucht es wieder auf. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Und wenn doch, dann unvermittelt und ganz ohne Vorwarnung.

Während ich verschiedene Thesauri bemühe, um diesen verflixten Text mit möglichst vielen F-Lauten vollzustopfen (freilich im Rahmen meiner Fähigkeiten), ist mir die Füchsin schon wieder entwischt. Das liegt in ihrem Naturell, vermutlich. Flüsternd und feixend streift sie durch den nach ihr benannten Roman von Dubravka Ugrešić (1949 – 2023), stellt furchtlos Verbindungen her, verknüpft und vermittelt, waltet aber immer im Verborgenen, „taugt in vielerlei Hinsicht als Totem des zweifelhaften schriftstellerischen Schlags“.

Fiebrig habe ich die Füchsin gelesen, gemeinsam mit Lilian Peter einige Gedanken dazu im Podcast formuliert. Wir sind dem Text – ins Deutsche versetzt von Marie Alpermann, veröffentlicht im eta Verlag – ein paar Schritte näher gekommen, so vermute oder hoffe ich. Doch meine Freundin Vulpes vulgaris fordert raffgierig ein: Ein eigener Beitrag wäre famos, ich brauche doch Aufmerksamkeit und ein fesches Photo! Pack mich doch feierlich in eine Installation von Refik Anadol, es wäre mir eine Freude!

Und so gebe ich dem fidelen Tier, wonach es so forsch verlangt. Nur mit einer flotten Zusammenfassung kann ich nicht dienen, die Form verhindert es. Fürwahr, ich bin ja, was Inhaltsangaben anbelangt, ohnehin völlig talentbefreit. In diesem Fall aber ist die Sache nun wirklich vertrackt. Denn die Füchsin besteht aus sechs funkelnden Teilen, die auf den ersten (und zweiten) Blick verdächtig wenig gemeinsam haben. Doch ein Erzählband will das Buch nicht sein, gibt sich unverfroren als Roman aus. Ich bin nachsichtig und erkläre mich mit der frechen Genre-Bezeichnung einverstanden.

Zweifellos gibt es gewisse Fixpunkte: vor allem die Erzählinstanz – in der sich die fiktionalisierte Autorin zu erkennen gibt –, die fuchsgleich durch die verschiedenen Abschnitte flaniert. Mal widmet sie sich voller Hingabe der Lektüre des längst vergessenen Autors Boris Pilnjak und reflektiert dabei feinfühlig, auf welch verschlungenen Pfaden Erzählungen entstehen. Dann reist sie flugs für eine fragwürdige Konferenz nach Neapel, lernt dort eine gewiefte Nachlassverwalterin kennen und schreibt wie nebenbei eine feurige Satire auf den Literaturbetrieb. Im Folgekapitel Teufelsgarten wiederum erbt die verdutzte Erzählerin ein Haus in Kroatien, hofft auf Heimat und Versöhnung, verliebt sich unversehens in einen früheren Richter und verliert finalemente selbstverständlich alles.

„Nabokov hatte wohl recht, als er sagte, wir seien alle kleine Teile eines Megatextes beziehungsweise Fußnoten in einem gewaltigen, unverständlichen, unvollendeten Meisterwerk.“

Dubravka UgrešićFüchsin

Das mag nun alles etwas verwirrend klingen und erfreulicherweise ist es das auch. Aber nicht verzagen, das Buch ist durchaus vergnüglich. Zu den verbleibenden drei Teilen wollte ich ganz frech eigentlich gar nichts weiteres formulieren. Doch das funktioniert nicht so recht. Denn gerade der fünfte Teil Little Miss Footnote ist besonders formidabel und lässt zudem ein Anliegen erkennen, das das gesamte Buch auszeichnet (und das Lilian Peter sehr verständlich im Podcast hervorhebt): Ugrešić interessiert sich verstärkt für Fußnoten, für das Verworfene und vermeintlich Marginale, für all das, was nicht im Fokus steht.

Oft genug handelt es sich dabei um Frauengestalten, wie auch im fünften Teil der Füchsin. Erzählt wird darin weniger von Vladimir Nabokov – dem verdienten Autor des Romans Fahles Feuer, der sich vollständig aus Fußnoten zusammensetzt –, sondern vielmehr von dessen einstiger Chauffeurin Dorothy Leuthold, einer fürsorglichen Bibliothekarin. Sie fuhr die Nabokovs einst durchs fremde Amerika, der feiste Nabokov benannte anschließend einen Falter nach ihr. Leuthold wird folglich dem Vergessen entrissen, findet sich nun im Zentrum der Geschichte. Letztlich ist es ja so: „[A]lles läuft irgendwann darauf hinaus, wer wen zu seiner Fußnote macht, wer wen fußnotet, wer am Ende Text und wer Fußnote ist.“

Und da denken Sie jetzt mal fachgerecht drüber nach, verehrtes Publikum. Das wird schon. Ich bin da vorsichtig zuversichtlich und verabschiede mich nun verstohlen aus diesem Text. Ich habe mir eine Verschnaufpause verdient. And when all else fails, keep it foxy!

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