Catalin Dorian Florescu: Matei entdeckt die Freiheit

By 18.04. 2026 Bücher

„Ich wurde im Herbst 1956 an der Haltestelle vor unserem Wohnblock verhaftet. Zwei Männer in dunklen Ledermänteln, wie sie Sowjetagenten in unserer Stadt trugen, hatten auf mich gewartet, als ob sie über meine Pläne Bescheid wüssten. In der Jackentasche trug ich die Gedichte, die ich einigen Freunden vorlesen wollte und die ich als ‚politisches Manifest‘ angekündigt hatte.“

Catalin Dorian FlorescuMatei entdeckt die Freiheit

In der Diktatur braucht es nicht viel, um unter Verdacht zu geraten. Um verhaftet, gefoltert und für Jahre interniert zu werden. Es braucht nicht viel. Matei Munteanu ist Anfang 20, als er auf offener Straße in seinem Heimatort Bukarest festgenommen wird. Jemand hatte ihn denunziert, noch bevor er seine antikommunistischen Gedichte im engen Freundeskreis verbreiten konnte. Zunächst kommt er in Untersuchungshaft, dann muss er unter widrigsten Bedingungen sieben Jahre als politischer Gefangener in einer Strafkolonie im Donaudelta verbringen. Im Jahr 1964 wird er infolge eines Amnestiedekrets aus der Haft entlassen. Das ganze Land ist in der Zwischenzeit zum Gefängnis geworden.

Der im rumänischen Timișoara geborene Schweizer Schriftsteller Catalin Dorian Florescu kehrt in all seinen Romanen – auf die eine oder andere Weise – in das Land seiner Kindheit und Jugend zurück. Und so beschäftigt sich auch seine aktuelle Veröffentlichung Matei entdeckt die Freiheit (Rowohlt Berlin, 2026) mit Rumänien, insbesondere mit dessen Gewaltgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Vordergründig setzt sich der Roman mit den Gulags auseinander, die nach stalinistischem Vorbild bis Mitte der 60er Jahre in Rumänien existierten. Doch dabei bleibt es nicht. Denn das viele Jahrzehnte umfassende Buch streift zahlreiche Themen: Dazu gehören die Verhaftungswellen und Enteignungen nach Ausrufung der Volksrepublik, die Überwachung und Denunziation unter Nicolae Ceaușescu, die andauernde Mangelwirtschaft und der Hunger, und letztlich der Zerfall der Diktatur Ende des Jahres 1989 sowie der Umgang der Bevölkerung mit der wiedergewonnenen Freiheit.

Catalin Dorian Florescu baut diese und weitere Aspekte gekonnt und leichthändig in seinen klug konstruierten Text ein. Sein Roman ist trotz der Themendichte nicht überladen – und doch: Mir persönlich wird hier zu viel erklärt. Das mag daran liegen, dass ich mich schon seit einer Weile mit dem Land auseinandersetze und einiges dazu gelesen habe. Das gilt freilich nicht für jede/n. Weiß man nicht unbedingt viel über Rumänien und seine Geschichte und möchte das ändern, erhält man hier einen wirklich guten Überblick über zentrale gesellschaftliche und politische Entwicklungen seit Beendigung des Zweiten Weltkriegs.

„Bis zu jener Nacht hatte ich die Donau noch nie gesehen und war mächtig beeindruckt. Wohl ahnte ich, dass jener Fluss, der uns bald aus der Zivilisation herausführen würde – oder aus dem, was von der Zivilisation übrig geblieben war –, in dessen Delta wir unsere Strafe verbüßen sollten, ein ständiger Begleiter werden würde.“

Catalin Dorian FlorescuMatei entdeckt die Freiheit

Gerade die Passagen, die sich dem (Über-)Leben und Sterben im Straflager im Donaudelta widmen, sind hervorragend recherchiert. Der in der Ich-Form verfasste Roman liest sich streckenweise wie der Bericht eines Zeitzeugen, so detailliert und anschaulich werden hier Haft, Arbeitseinsätze und das Miteinander unter den Gefangenen beschrieben. Eine der Freundschaften aus der Zeit im Lager wird ein Leben lang halten, noch Jahre später gehört der Mitinhaftierte Andrei zu den engsten Vertrauten Mateis.

Nach Ende der Gefangenschaft gelingt es dem Protagonisten nur durch glückliche Zufälle, wieder ins Leben zurückzufinden. Als „Politischer“ bleibt er verdächtig und gilt nach wie vor als Volksfeind. Obdachlos versteckt er sich zunächst für eine Weile in einer alten Kirche. Eine junge Witwe aus der Gemeinde entdeckt ihn und nimmt sich ihm an. Die beiden finden zueinander, heiraten und gehen gemeinsam nach Bukarest. Hier arbeitet Matei fortan als Sargbauer in der Volkskooperative Genossenschaftlicher Trost. Das Leben meint es gut mit ihm, den Umständen entsprechend.

Doch das Lager lässt ihn nicht los, ist durch zahlreiche Folgeerkrankungen in seinen Körper eingeschrieben und verfolgt ihn in seinen Träumen. Als er eines Tages Ende der 80er Jahre seinen ehemaligen Folterknecht Leutnant Pană im Bus entdeckt, stürzt er in eine tiefe Lebenskrise. Sein Peiniger wurde wie alle anderen damals Beteiligten nie für seine Taten zur Rechenschaft gezogen. Fortan verbringt Matei die Tage lethargisch auf dem Sofa oder im Bett und will nicht mehr aufstehen. Doch mit dem Ende der Diktatur öffnen sich neue Möglichkeitsräume. Er sinnt nach Gerechtigkeit, er sinnt nach Rache. An dieser Stelle davon zu erzählen, würde zu viel vorwegnehmen.

Catalin Dorian Florescus weiß zu erzählen, ganz ohne Frage. Matei entdeckt die Freiheit ist ein mitreißender, oft beklemmender und handwerklich sehr gut gearbeiteter Text. Gleichzeitig aber auch ein Text, der stets auf Nummer sicher geht, erzählerische Risiken meidet und seine Leser:innen vielleicht ein bisschen zu sehr an die Hand nimmt. Der Roman stellt deutlich heraus, was er zeigen möchte, gerade auch hinsichtlich des Komplexes von Freiheit und Unfreiheit. Das muss kein Nachteil sein.

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