
[Dieser Beitrag erschien am 16. September 2026 in leicht abgeänderter Form als Radiokritik in der Sendung Büchermarkt im Deutschlandfunk. Unter diesem Link kann man den Beitrag hören.]
Der tschechisch-amerikanische Autor Jan Novák kann auf eine bewegte Biographie zurückblicken. Geboren 1953 im mittelböhmischen Kolín, floh er mit seiner Familie Ende der 60er Jahre aus der Tschechoslowakei, kam zunächst in ein österreichisches Flüchtlingslager und emigrierte schließlich in die USA. Er studierte an der University of Chicago und wurde hier vom Verleger Josef Škvorecký entdeckt, der Anfang der 1980er Jahre seinen ersten Erzählband Striptease Chicago veröffentlichte.
Es folgten viele weitere Werke, geschrieben auf Tschechisch und Englisch: Romane und Theaterstücke, Drehbücher und Interviewbände. Jan Novák ist Ko-Autor der Autobiografie von Miloš Forman, drehte zwei Dokumentarfilme über Václav Havel und veröffentlichte Comics mit dem Illustrator Jaromír 99. Seit knapp 20 Jahren lebt Novák wieder in Tschechien.
Die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Biographie und Herkunft spielte in seinem Werk von Anfang an eine bedeutende Rolle: Sein Debüt erzählt von tschechischen Einwander:innen in den USA, sein Mitte der 80er veröffentlichter Roman The Willys Dream Kit basiert lose auf dem Leben seines Vaters.
Einen weiteren Schritt zurück in der Familiengeschichte geht der Autor in seinem nun auf Deutsch erschienenen Roman Stierkampf in Böhmen (Morio Verlag, 2026). Das im Original schlicht „Děda“, also „Opa“, betitelte Buch stellt den Großvater des Autors in den Mittelpunkt, der als einfacher Landwirt in einem Dorf im Elbland lebte. Hierhin zog es den autobiographischen Erzähler Ende der 50er Jahre fast jedes Wochenende mit seiner Mutter und seinen jüngeren Schwestern.
”„Das Dorf war so klein, dass es nicht mal eine Kirche hatte, nur eine Kapelle hinter der Schmiede. Des Weiteren gab es dort nur eine Einklassenschule mit fünf Jahrgängen, einen Konsum mit Gasthaus unter einem gemeinsamen Dach sowie das Büro der Genossenschaft im Haupthaus des großen Gehöfts, […] aber vor allem war in dem Dorf unser Opa Betonherz, dem ich vollkommen schnuppe war.“
Jan NovákStierkampf in Böhmen
Die ausbleibende Zuneigung für sein Enkelkind dient als Erzählanlass, dem verhärmten Gemüt des kauzigen Alten viele Jahre nach dessen Tod auf den Grund zu gehen. Rückblickend fragt sich der Erzähler, wie sich Verdruss und Strenge so hartnäckig im Herzen des Großvaters einnisten konnten. Antworten darauf finden sich sowohl im Familiären als auch im Politischen.
In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, litten der Großvater und seine Geschwister unter einem despotischen Vater, dem Vieh und Ernte wichtiger waren als das Wohl seiner eigenen Kinder. Als sein jüngster Sohn in finanzielle Probleme geriet, verweigerte er ihm die Hilfe und nahm ungerührt seinen Selbstmord in Kauf. Den Tod des Bruders hat der Großvater nie verkraftet. Er entfernte sich von seinem Vater, gründete eine Familie im Nachbardorf und erwirtschaftete einen bescheidenen Wohlstand. Dann nahm die Weltgeschichte ihren Lauf.
Eindrücklich schildert der Roman, wie sich der Großvater in der Zeit des Nationalsozialismus behaupten musste und wie gleich mehrere Familienmitglieder in den Widerstand gingen und in deutsche Gefangenschaft gerieten; beklemmend lesen sich zudem die Passagen, in denen Zwangskollektivierung, Misswirtschaft und politische Willkür in der wiedererrichteten ČSR zur völligen Desillusionierung und Apathie des Großvaters führten.
”„Die Zeitungen waren ihm gerade gut genug, um sie in akkurate Quadrate zu schneiden und zum Plumpsklo zu tragen, denn er hatte längst aufgehört, darauf zu warten, dass die revolutionäre Regierung stürzen würde. Er hatte sich damit abgefunden, dass die Welt nicht mehr logisch und vorhersehbar wie früher funktionierte, und deshalb hatte er abgeschlossen mit der Politik und der Ökonomie und der Landwirtschaft.“
Jan NovákStierkampf in Böhmen
Nováks Roman ist gerade dann besonders stark, wenn das Buch über die Familie des Erzählers hinausweist und von kollektiven Erfahrungen und Umbrüchen sowie der gewaltvollen Geschichte Mittelböhmens unter zwei Diktaturen erzählt. Das gelingt jedoch nicht immer. Denn bisweilen verfängt sich der Roman in unerheblichen Details, die allein für die Familienchronik des Erzählers relevant sind und den Text unnötig aufblähen.
Einige dieser Nebensächlichkeiten mögen der Anlage des Textes geschuldet sein. Denn Stierkampf in Böhmen besteht aus vielen kleinen, assoziativ miteinander verbundenen Episoden, vermengt Gewichtiges und Profanes und ist in einem munteren Plauderton gehalten, den Christina Frankenberg hervorragend ins Deutsche übertragen hat. Über weite Strecken erinnert der Roman an Geschichten und Schwänke, wie sie auf feucht-fröhlichen Festen oder in schummrigen Spelunken erzählt werden, an denen es auch in Nováks Text nicht mangelt.
Der saloppe Zugang birgt durchaus einen gewissen Charme und ermöglicht es dem Erzähler, mit der nötigen Leichtigkeit von teils traumatischen Geschehnissen zu berichten. Die vielen Anekdoten sind jedoch ebenso durchsetzt von ziellosen Abzweigungen und Redundanzen. Einige Dinge erfährt man im Buch gleich mehrfach, andere werden völlig ausgespart.
Das gilt vor allem für das Leben der Frauen. Während männliche Familienmitglieder, Dorfbewohner und selbst ein paar Trunkenbolde eine eigene Geschichte erhalten, werden die vielen Schwestern, Tanten, Mütter und Großmütter der Familie nur am Rande erwähnt. Der Stierkampf in Böhmen ist reine Männersache, Frauen sind dem Erzähler leider „völlig schnuppe“. Ihre Geschichte gilt es noch zu schreiben.
