Nicol Hochholczerová: Dieses Zimmer kann man nicht essen

By 18.10. 2026 Bücher

Diesen Text kann man nicht essen, diese Tinte (Pixel?) nicht trinken. Ich habe es versucht, natürlich. Weit gekommen bin ich nicht, gleich mehrfach habe ich mich dabei verschluckt. Ein bitterer Geschmack auf der Zunge, den wird man nicht los. Das wird man nicht los.

 

 

 

Na los.

 

Dabei ist die Sache schnell erklärt, oder nicht? Die slowakische Autorin Nicol Hochholczerová erzählt in ihrem Debütroman Dieses Zimmer kann man nicht essen vom Verhältnis einer Schülerin zu ihrem deutlich älteren Kunstlehrer. Als sich die beiden in einem Zeichenkurz kennenlernen ist sie 12 Jahre alt, er bereits 50. Am Ende des Romans ist sie volljährig, er 56 Jahre alt.

Vor den jeweiligen Kapiteln ist das Alter der Protagonist:innen vermerkt. Diese Ziffern konnte ich zunächst deuten, mir viel nichts dazu ein. (Wer liest schon Klappentexte und Verlagsanküdigungen? Ich nicht.) Dann aber Verschiebungen und Ortswechsel, zudem werden die Figuren spürbar älter. Das merkt man irgendwann. Die Sache musste sich doch über Jahre ziehen, nicht? Sechs Jahre sogar. Das merkt man irgendwann. Sechs Jahre in vielen kleinen Absätzen.

 

 

„Ich habe nichts gezeichnet, vor mir ein leeres Blatt, ein Bleistift, den man nicht essen kann, Sie gehen um mich herum, und was ist das, Sie beugen sich über meinen Tisch, die Schlüssel klimpern, eine Wand, sage ich.“

Aus dem Sie wird schnell ein Du. Tereza und Ivan. Slowakische Kleinstadt, totale Sozialkontrolle. Alle Augen offen, niemand sieht auch nur irgendwas.

Die Geschichte ist so vorhersehbar und abgedroschen und klischeehaft, wie man es sich nur vorstellen kann und demnach schrecklich nah an der Wahrheit: sachtes Kennenlernen, Verständnis und Interesse (das die Eltern nicht aufbringen), erste Zärtlichkeiten, wachsendes Vertrauen, Geheimniskrämerei, Eifersucht, Abhängigkeiten, Sex. Die Geschichte eines Missbrauchs.

 

 

Dann doch ein Blick auf den Klappentext. Paratextueller Hinweis: „In ihrem Debüt schöpft die Autorin aus ihren eigenen Erfahrungen.“

Nicol Hochholczerová wurde 1999 im slowakischen Rimavská Sobota geboren und studierte Grafikdesign an der Akademie der Künste in Banská Bystrica. Schon früh veröffentlichte sie Kurzgeschichten, im Jahr 2021 folgte ihr Debüt Dieses Zimmer kann man nicht essen, mit dem sie auf der Shortlist für den wichtigsten Literaturpreis der Slowakei stand. Das Buch wurde bislang in knapp zehn Sprachen übersetzt und mehrfach für die Bühne adaptiert, aktuell zudem verfilmt. Ein beachtlicher Erfolg. Im Frühjahr 2025 erschien das Buch in der Übersetzung von Marie-Theres Cermann im Ulmer Verlag Danube Books, der sich auf die Literaturen der Donau-Länder spezialisiert hat.

 

 

 

Bemerkenswert ist vor allem die Anlage und Form, die Hochholczerová für ihren Text gefunden hat. Einige Kapitel widmen sich, personal erzählt, dem Kunstlehrer Ivan: Witwer, eine Tochter (lebt in Madrid, distanziertes Verhältnis), zwischenzeitliche Beziehung mit einer anderen Frau in seinem Alter, Verlustängste, narzisstische Persönlichkeit.

Deutlich mehr Raum erhält die Figur Tereza. Aus der Ich-Perspektive erzählte Kapitel, die mitunter an Tagebucheinträge erinnern. Sie bestehen aus vielen kleinen Splittern, Gedanken, Bildern. Nicht alles erschließt sich, wie auch. Ein heranwachsender Teenager. Rebellion und Unsicherheiten. Ganz nah dran.

Ganz nah dran, vielleicht auch deshalb, weil so viel offen bleibt. Arbeit mit Leerstellen, auch in der Gestaltung des Textes: „Ich habe nichts gezeichnet, vor mir ein leeres Blatt“ heißt es im Zeichenkurs, das zeigt sich auch im Layout des Textes. Auf vielen Seiten des Buches finden sich nur wenige Sätze, ein paar Seiten bleiben völlig leer. Gerade im Ungesagten steckt die Gewalt. Die Lücke, die der Teufel lässt.

 

 

„du bist außergewöhnlich, Schätzchen, die Schönste der Welt, nach dem Orgasmus schwellen deine Lippen an, bitte schreib nicht mehr über uns, was ist, wenn das jemand liest?“

Doch der Text schreibt sich weiter, ohne zu skandalisieren, ohne zu bewerten. Der Text vergisst nicht, dass er Literatur ist (Kann man das vergessen? Ja.) und darin liegt seine Stärke. Subtil wird zudem die eigene Gemachtheit, auch das autobiographische Schreiben reflektiert. Nichts drängt sich hier auf und wirkt auf diese Weise umso beklemmender.

 

„Ich weiß nicht, was passiert ist, […] alles war in Ordnung, echt“

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