Interview: Iwa Pesuaschwili

By 21.06. 2026 Magazin

Den georgischen Autor Iwa Pesuaschwili habe ich während unserer gemeinsamen Zeit in der Schweiz kennengelernt. Im Frühjahr/Sommer 2026 waren wir beide für einige Monate Stipendiaten der Landis & Gyr Stiftung in Zug. Über seinen Roman Müllschlucker. Verloren in Tiflis, der im Jahr 2022 mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet wurde, haben wir uns erstmals im Rahmen der Solothurner Literaturtage vor Publikum unterhalten (bei der Veranstaltung am 15. Mai 2026 entstanden auch einige der hier verwendeten Bilder). Für meinen Blog haben wir ein weiteres Mal über das Buch, aber auch über die aktuelle politische Situation in Georgien gesprochen.

Müllschlucker – übersetzt von Natia Mikeladse-Bachsoliani und erschienen im Mitteldeutschen Verlag – ist ein schmaler, aber hochkonzentrierter Text, der sich mit zahlreichen politischen, gesellschaftlichen und historischen Aspekten auseinandersetzt, die das heutige, post-sowjetische Georgien prägen: Korruption, Gewalt, behördliche und politische Willkür und die versiegende Hoffnung auf einen demokratischen Wandel im Land. Im Mittelpunkt des Romans, der an einem einzigen Tag im Jahr 2017 spielt, steht eine vierköpfige Familie im Stadtteil Tifliser Meer. Diese Familie gehört der armenischen Minderheit in Georgien an, die Eltern sind in den 90er Jahren vor dem Ersten Krieg um Bergkarabach nach Tiflis geflohen.

Der von seiner Kriegs- und Fluchterfahrung traumatisierte Familienvater Gena ist pensionierter Polizist, lebt von einer schmalen Rente, trinkt und raucht zu viel und verbringt die Tage auf dem Sofa. Aufgrund der angespannten finanziellen Situation verdingt sich seine Ehefrau Mila als Frisörin, obwohl sie das Handwerk nie gelernt hat. Die Avancen eines reichen Verehrers stellen sie vor ein moralisches Problem. Die gemeinsamen zwei Kinder sind zwar schon Anfang 20, leben aber noch zu Hause. Die Tochter Zema tut alles dafür, um an dieser Situation etwas zu ändern; verbissen arbeitet sie an ihrer Karriere bei der Polizei. Ihr Bruder Lazare hingegen verliert sich eher in Tagträumen. Er will ein erfolgreicher Rapper werden, liefert aber einstweilen mit seinem alten Moped Essen in der Stadt aus.

Lieber Iwa, in deinem Roman erfährt man sehr viel über das heutige Georgien. Du beschäftigst dich darin u. a. mit Kriminalität und Korruption, dem schwierigen Verhältnis zu Russland, auch mit Problemen wie Lohndumping und Umweltverschmutzung. Zunächst bin ich davon ausgegangen, dass sich diese Themen – ausgehend von einem bestimmten Konflikt oder einzelnen Figuren – nach und nach entwickelt haben. Dann habe ich jedoch in einem Interview gelesen, dass es dir von Anfang an darum ging, einen weiten Bogen zu spannen. Der Roman ist Teil einer Trilogie, die sich mit der Geschichte deiner Heimat auseinandersetzt. Was hat es damit auf sich?

Bei meinem Projekt ging es mir darum, die Geschichte Georgiens aus der Perspektive gewöhnlicher Georgierinnen und Georgier zu erzählen: vom Beginn der Perestroika Mitte der 1980er bis in die Gegenwart. Die historischen Daten und die großen Persönlichkeiten sind bekannt. Doch mich interessierten die Menschen, die keine Spuren in den Geschichtsbüchern hinterlassen haben, aber die Folgen der Geschichte tragen müssen. Dass es am Ende drei Bücher werden würden, das wusste ich am Anfang noch nicht. Sie decken unterschiedliche Zeiträume ab, sind stilistisch sehr verschieden und funktionieren unabhängig voneinander.
In den ersten Skizzen, die ich zum Roman Müllschlucker angefertigt hatte, beschäftigte ich mich zunächst mit einer Familie, die innerhalb von Tiflis umzieht, aber von den schrecklichen Erfahrungen aus ihrem alten Viertel verfolgt wird. Darüber sprach ich mit während eines USA-Aufenthalts mit Sarah Elgatian, einer amerikanischen Autorin, deren armenische Familie während des Ersten Krieges um Bergkarabach Anfang der 90er Jahre in die USA floh. Ihre Erfahrungen flossen sehr stark in meine Geschichte ein.
Eine weitere wichtige Inspirationsquelle war Mila, die Babysitterin meiner ersten Tochter. Im Grunde ist mein Buch ihre Geschichte, denn vieles von dem, was Mila und ihrem Mann widerfahren ist, findet sich im Roman wieder. Sie lebten lange Zeit in Baku, bekamen dort als Armenier während des Zerfalls der Sowjetunion jedoch große Probleme. Zunächst gingen sie nach Eriwan, wo sie sich aber ebenfalls nicht zuhause fühlten und kamen schließlich nach Tiflis. Doch auch in Tiflis war in den 1990er-Jahren nicht einfach, die Stadt wurde von Chaos und Gewalt beherrscht. Viele Menschen wurden auf offener Straße mit Waffen bedroht und ausgeraubt.

In einigen Ecken der Stadt geht es auch heute noch recht rough zu. Die Familie in deinem Buch lebt in einem Bezirk mit dem Namen Tifliser-Meer-Viertel. Das klingt ja eigentlich ganz schön …

Ein Meer gibt es in Tiflis natürlich nicht, nur einen großen Stausee. Der daran anschließende Bezirk ist eine Art Ghetto mit riesigen Plattenbauten. Errichtet zu Zeiten der Sowjetunion, befinden sie sich heute in einem maroden Zustand. Eigentlich halten diese Gebäude nur um die 50 Jahre und sollten danach abgerissen werden. Aber da es keine sowjetische Regierung mehr gibt, existieren diese Bauten immer noch und werden weiterhin bewohnt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blühte das Verbrechen überall auf, aber gerade in diesem Viertel ging es besonders brutal zu.

Das ist also kein Viertel, in dem man unbedingt leben möchte. Aber anders geht es eben nicht. Die Familie kann sich schlichtweg keine Wohnung in einer besseren Gegend leisten. Aus finanziellen Gründen wohnt die ganze Familie noch zusammen, obwohl die Kinder längst erwachsen sind.

Der Vater Gena bezieht eine bescheidene Rente, der Sohn Lazare schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Einzig die Tochter Zema ist zielstrebig und spart auf eine eigene Wohnung in einer anderen Ecke der Stadt. Im Grunde kam sie lange Zeit gut mit ihren Nachbarn zurecht. Doch in dem Moment, in dem sie plötzlich mit einem neuen Auto vorfährt, begegnet man ihr mit Neid und Missgunst. Sie weiß, dass sie dieses Ghetto unbedingt verlassen muss, wenn sie ein besseres Leben führen will.

Die Familie, die in deinem Roman im Mittelpunkt steht, ist armenischer Herkunft. Die Tochter wurde als Kind in der Schule gemobbt, ihr Vater wird nicht als vollwertiger Georgier angesehen. Wie lässt sich das Verhältnis zum Nachbarland Armenien bzw. zur armenischen Minderheit im Land beschreiben?

Im Grunde wurde in Tiflis ein großer Teil der Altstadt von Armeniern gebaut. Viele der schönsten Gebäude der Stadt wurden von armenischen Kaufleuten und Unternehmern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts errichtet. Gewürdigt wird das kaum. Es gibt auf beiden Seiten Sticheleien und Vorurteile. Noch immer hält sich das Gerücht, unser Alphabet sei eigentlich von den Armeniern erfunden worden, all unsere bedeutenden Persönlichkeiten seien eigentlich armenisch. Meiner Ansicht nach haben sich diese Vorbehalte vor allem in der Sowjetzeit verfestigt, die SU hat solche Spannungen ja bewusst gefördert. Wenn Nachbarländer miteinander streiten, entwickeln sie kein gemeinsames Bewusstsein. Und ohne ein solches können sie dem Imperium auch nicht gefährlich werden.

Aber aktuell ist das Verhältnis doch halbwegs entspannt, oder?

Ja, klar. Ich selbst habe viele armenische Freunde und bin regelmäßig in Armenien, zum Beispiel beim Buchfestival in Eriwan. Das Situation hat sich deutlich verbessert. In älteren georgischen Filmen, Theaterstücken und Büchern wurden Armenier oft als Witzfiguren dargestellt, ihr Akzent wurde völlig überzeichnet. Ähnlich haben das die Armenier mit uns gemacht. Das wollte ich unbedingt vermeiden.

Dann hast du dich auch deshalb für eine armenische Familie entschieden, um alte Klischees und Stereotype aufzubrechen?

Genau. Ich wollte zeigen, womit sich so eine Familie tatsächlich auseinandersetzen muss. Außerdem ging es mir darum, den Blickwinkel zu erweitern. Mein Roman handelt nicht nur von Georgien, sondern von der gesamten Kaukasus-Region. Die Sowjetunion hinterließ überall ungelöste Konflikte: um Bergkarabach in Armenien und Aserbaidschan, um Abchasien und Südossetien in Georgien. Überall lagen gewissermaßen ethnische Sprengsätze verborgen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in die Luft gingen. Bis heute zahlen die Menschen dafür einen hohen Preis.

Sprache, vor allem auch die Wahl der Sprache spielt in deinem Roman eine bedeutende Rolle. Die Familie spricht georgisch miteinander, das Armenische ist praktisch verboten. Der Vater Gena will es nicht und zwingt die Familie quasi zur Assimilation. Kann man das so sagen?

Ja, aber das ist nicht der einzige Grund für sein Verhalten. Gena wird in Georgien nicht akzeptiert. Er ist aus Armenien geflohen und macht Russland für vieles verantwortlich, was ihm widerfahren ist. Gleichzeitig ist er auf das Russische angewiesen, ganz einfach, weil er die Sprache beherrscht. Georgisch spricht er nicht fließend und armenisch will er nicht sprechen, weil er versucht, seine Vergangenheit auszulöschen. So als hätte sein Leben vor Georgien nie existiert.
Es ist traurig und komisch zugleich. Wir werden von Russland unterdrückt, verwenden im Alltag aber viele russische Wörter und Redewendungen. Teile Georgiens sind von Russland besetzt, aber wir sprechen die Sprache trotzdem weiter. Das Imperium verschwindet nicht einfach. Es ist weiterhin tief in der Sprache, im Denken und in den Gewohnheiten der Menschen verankert.

Auch dein Roman arbeitet mit der russischen Sprache, gerade wenn es emotional wird, Figuren beispielsweise fluchen. In der deutschsprachigen Ausgabe werden die russischen Wendungen und Begriffe in Fußnoten erklärt. Benötigt das georgische Publikum diese Übersetzungshilfe?

Ich gehöre zur letzten Generation in Georgien, die in der Schule noch verpflichtend Russisch lernen musste. Die jüngeren Generationen können oft weder Russisch sprechen noch lesen und ehrlich gesagt halte ich das für etwas Positives. Gerade jüngere Leser:innen verstehen also die russischen Passagen im Buch nicht immer, aber Fußnoten gibt es trotzdem nicht. Die russischen Wendungen werden zudem in georgischer, nicht in kyrillischer Schrift wiedergegeben.
Die Originalausgabe des Romans funktioniert überhaupt ganz anders, vor allem auch bezüglich der Dialoge. In meinem Buch gibt es weder direkte Rede noch Anführungszeichen. Es läuft alles über die Wahrnehmung der Erzählinstanz und wird mit Endungen angedeutet. Das ist ziemlich schwierig zu erklären und nochmal schwieriger zu übersetzen. In der deutschen Ausgabe werden die Dialoge daher auf die übliche Art und Weise angezeigt.

Dein Roman spielt an einem ganz bestimmten Tag, dem 9. April. Das ist der Geburtstag der Mutter Mila, den sämtliche Familienmitglieder vergessen. Das ist aber auch ein historisch und politisch bedeutsames Datum. Warum ist dieser Tag für Georgien so wichtig?

Das ist der Tag, an dem wir unsere Unabhängigkeit mit unserem Blut bezahlt haben. Am 9. April 1989 – also zwei Jahre vor unserer Unabhängigkeit – schlugen sowjetische Truppen eine friedliche Demonstration in Tiflis brutal nieder, setzten dabei sogar chemische Waffen ein. Für die Menschen in Georgien sind diese Ereignisse bis heute von enormer Bedeutung. Bekannt ist auch der Name des sowjetischen Generals, der den Einsatz leitete: Igor Rodionow. Wenn die georgische Polizei brutal gegen Demonstrierende vorgeht, sprechen viele von „Rodionows Leuten“.
Der Angriff auf die Zivilbevölkerung markierte einen Wendepunkt. Viele hatten bis dahin auf Veränderungen innerhalb der Sowjetunion gehofft. Doch nach diesem Tag – an dem 21 Menschen getötet und Hunderte verletzt oder vergiftet wurden und teilweise bis heute an den Folgen leiden – war klar: Wir müssen uns von diesem System lossagen. Der 9. April steht für Opferbereitschaft und Widerstand.

Der Nationalfeiertag Georgiens ist der 26. Mai. An diesem Tag wurde im Jahr 1918 die Unabhängigkeit von Russland gefeiert. Wie wird der 9. April begangen?

Der 26. Mai ist ein Feiertag, der 9. April hingegen ein Tag des Gedenkens. Egal wie russland-freundlich die Regierung auch sein mag, sie würde an diesem Tag immer Blumen am Denkmal für die Opfer niederlegen. Die Bedeutung dieses Tages kann niemand ignorieren, obwohl viele mittlerweile die eigentliche Geschichte hinter diesem Datum vergessen haben.
Vor ein paar Jahren meinte ein bekannter georgischer Dichter, der 10. April hätte bei uns nie stattgefunden. Wir würden noch immer am 9. April leben, weil wir nach wie vor für dieselben Dinge kämpfen: Unabhängigkeit, Freiheit, Selbstbestimmung.

Gleichzeitig gab es Phasen, in denen Georgien durchaus Fortschritte gemacht hat.

Natürlich. Es gab sechs, sieben, acht Jahre, in denen sich das Land in eine wirklich positive Richtung entwickelte. Das war in den späten 2000er- und frühen 2010er-Jahren. Wir erhielten visafreien Zugang zur Europäischen Union. Tiflis wurde zu einem neuen Zentrum für elektronische Musik, Literatur und Film florierten. Kulturell war das eine unglaublich spannende Zeit.

Was ist dann passiert?

Die Politik wurde wieder zunehmend von Russland beeinflusst. Das hat sich durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nochmals verstärkt. Heute haben wir es mit Entwicklungen zu tun, die an andere autoritäre Systeme erinnern. Die Methoden ähneln sehr stark denjenigen in Belarus: Kontrolle über Institutionen, Druck auf Kritiker:innen, Einschränkung unabhängiger Organisationen. Die Muster wiederholen sich.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen – für Georgien insgesamt, aber auch für dich als Autor?

Im Moment ist das sogenannte Agentengesetz vermutlich das größte Thema. Es orientiert sich an ähnlichen Gesetzen in Russland und anderen autoritären Staaten. Im Kern geht es darum, Menschen oder Organisationen als „ausländische Agenten“ zu verunglimpfen, so sie finanzielle Unterstützung aus dem Ausland erhalten. Das hat enorme Konsequenzen.
Nehmen wir nur dieses Gespräch hier. Wir unterhalten uns in einem Moment, in dem ich in der Schweiz lebe und ein Stipendium erhalte. Unter bestimmten Umständen könnte das bereits ausreichen, um mir Probleme zu bereiten. Im schlimmsten Fall droht eine Haftstrafe von bis zu sechs Jahren. Was als „politische Aktivität“ gilt, wird bewusst offen gelassen. Was genau soll das sein? Ein Interview? Ein Social-Media-Beitrag? Das weiß niemand ganz genau.

Welche Auswirkungen hat dieses Agentengesetz noch?

Es hat massive Folgen. Internationale Kooperationen werden immer schwieriger, wenn nicht gar unmöglich. Nehmen wir das Kino: Früher waren europäische Koproduktionen völlig selbstverständlich, heute sind sie mit erheblichen Risiken verbunden. Dasselbe gilt für die Literatur. Wird eine Übersetzung mithilfe europäischer Förderungen finanziert, kann das jederzeit zu einem Politikum werden. Das ist für ein kleines Land wie Georgien besonders dramatisch, da unsere Sprache weltweit nur von wenigen Menschen gesprochen wird. Um international wahrgenommen zu werden, sind wir auf Austausch und Förderungen angewiesen. Normalerweise ist es die Aufgabe des Kulturministeriums, diese Dinge voranzubringen. Doch das passiert inzwischen kaum noch.
Manchmal fühlt es sich so an, als würden wir in die 1990er-Jahre zurückfallen. Von Fortschritt kann keine Rede sein. Anstelle neue künstlerische Projekte zu entwickeln, befinden sich die meisten von uns im Überlebensmodus.

Dein Roman spricht viele gesellschaftliche und politische Probleme an und ist durchaus kritisch, konnte aber in dieser Form in Georgien erscheinen. Hattest du je Probleme mit der Zensur?

Bislang nicht, doch die Voraussetzungen dafür werden gerade geschaffen. Wir haben inzwischen ein Gesetz, das offiziell dem Schutz von Familienwerten dient und sogenannte „LGBTQ-Propaganda“ verbietet. Ähnliches kennen wir aus anderen autoritären Ländern. Niemand kann erklären, was damit genau gemeint ist. In einem meiner Bücher kommt eine nicht-binäre Figur vor. Ist das bereits „LGBTQ-Propaganda“? Wer entscheidet das und nach welchen Kriterien? Wie beim Agentengesetz werden Begriffe geschaffen, die emotional aufgeladen sind, rechtlich aber unscharf bleiben.

Kommen die genannten Gesetze häufig zur Anwendung?

Bislang wurden sie noch nicht in einem großen Umfang eingesetzt. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie ungefährlich wären. Oft reicht allein die Existenz solcher Gesetze aus, um Menschen vorsichtiger werden zu lassen. Es wird weiterhin geschrieben, doch aus Angst und Unsicherheit haben bereits einige Autor:innen damit begonnen, sich selbst zu zensieren.

Verhaftungen im Kulturbereich gab es also noch keine?

Nicht dass ich wüsste. Im Moment richtet sich der Druck vor allem gegen Oppositions-Politiker:innen, Aktivist:innen und Journalist:innen, denen im Regelfall Spionage vorgeworfen wird. Menschen werden inhaftiert, ohne die Öffentlichkeit über die genauen Hintergründe zu informieren. Die Betroffenen unterliegen Geheimhaltungsvorschriften und dürfen nicht über die konkreten Vorwürfe sprechen. Künstler:innen haben derzeit keine Priorität für die Regierung, weil ihr Einfluss auf das Leben der meisten Menschen eher begrenzt ist. Doch irgendwann wird man auch mehr Druck auf die Kultur ausüben, davon ist auszugehen. So funktionieren autoritäre Systeme.

Geht man in der Literaturszene solidarisch miteinander um? Viele Möglichkeiten, einander zu unterstützen, gibt es womöglich gar nicht.

Die Mittel sind natürlich begrenzt, doch gerade die Verlage leisten derzeit großartige Arbeit. Ein gutes Beispiel dafür ist die Frankfurter Buchmesse. Früher gab für einen Messeauftritt staatliche Unterstützung, heute organisieren das die Verlage selbst. Sie treiben Gelder auf, finanzieren die An- und Abreise für georgische Autor:innen und schaffen Sichtbarkeit für unsere Literatur.

Dann ist der Georgien-Stand auf der Frankfurter Buchmesse komplett aus privaten Mitteln finanziert und der Staat hat damit offiziell gar nichts zu tun?

Der hat einen eigenen Stand. In den letzten Jahren war Georgien gleich zweimal auf der Messe vertreten, zumindest in Frankfurt. Einmal durch die unabhängigen Verlage und Autor:innen und dann von staatlicher Seite. Der offizielle Stand kümmert sich in erster Linie um die verstorbenen Autor:innen, aber auch um diejenigen, die der Regierung loyal gegenüberstehen. Die meisten interessanten zeitgenössischen Stimmen arbeiten heute jedoch außerhalb der staatlichen Strukturen.

Kehren wir zum Schluss noch einmal zur allgemeinen politischen Situation in Georgien zurück. Die Bilder von Demonstrationen und Polizeigewalt gingen um die Welt. Auch du bist seit Langem in der Protestbewegung aktiv. Welchen Gefahren setzt du dich dabei aus?

Bislang hatte ich Glück und wurde nur mit einer Geldstrafe belegt. Es läuft ein Verfahren gegen mich, weil ich an Demonstrationen teilgenommen habe. Die Strafe beträgt 5.000 Lari, also ungefähr 1.500 Euro. Das Verfahren wurde vor Jahren eingeleitet, ist aber bis heute nicht abgeschlossen. Doch jedes Mal, wenn ich nach Georgien einreise, werde ich besonders streng kontrolliert. Das ist eine Art Botschaft. Man zeigt mir damit, dass ich unter Beobachtung stehe.
Heutzutage kann man wegen jeder Kleinigkeit verhaftet werden. Nicht unbedingt für Jahre, aber für einige Tage oder Wochen. Es geht vor allem um Einschüchterung.

Von außen betrachtet wirkt es, als seien Proteste in Georgien heute kaum noch möglich.

Das eine Problem ist die Repression, das andere, vermutlich größere, die Erschöpfung. Die Menschen protestieren seit Jahren, haben aber das Gefühl, dass sich trotz aller Anstrengungen nichts verändert. Viele sind müde.
Hinzu kommt die Propaganda der Regierung. Sie vermittelt den Eindruck, Veränderung sei im Grunde unmöglich. Zudem ist die Opposition sehr schwach. Viele Menschen wählen die Oppositionsparteien nicht wirklich aus Überzeugung. Das macht politische Mobilisierung langfristig schwierig.

Glaubst du noch an einen politischen Wandel?

Ja, aber nicht durch eine Revolution, denn davon hatten wir bereits genug. Das würde nur zu neuen Unruhen im Land führen. Ein nachhaltiger Wandel sollte durch demokratische Wahlen erfolgen. Das Problem ist nur, dass viele Menschen ihr Vertrauen in Wahlen verloren haben. Und so befinden wir uns momentan in einer Art Schleife: Die Menschen protestieren. Die Regierung bleibt. Die Frustration wächst. Und doch protestieren viele weiter. Aufzugeben ist einfach keine Alternative.

Damit wollen wir enden. Ganz lieben Dank für das Gespräch!

Zur Person: Iwa Pesuaschwili wurde 1990 in Tiflis geboren und studierte ebendort Regie an der an der Shota Rustaveli Theater- und Filmuniversität. Im Jahr 2014 erschien sein Erzählband Ich habe es versucht, 2018 folgte sein Debütroman Das Evangelium des Herunterkommens, der für alle wichtigen georgischen Litraturpreise nominiert wurde. Internationale Aufmerksamkeit erregte sein mehrfach ausgezeichneter Roman Müllschlucker aus dem Jahr 2020, der mittlerweile in über zehn Sprachen übersetzt wurde. Sein aktuelles, noch nicht auf Deutsch vorliegendes Buch, trägt den (recht frei von mir übersetzten) Titel Für die Edelweisen. Iwa Pesuaschwili lebt mit seiner Familie in Tiflis.

Das Gespräch haben wir Anfang Juni 2026 auf Englisch im Atelierhaus der Landis & Gyr Stiftung in Zug geführt.

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