
[Dieser Beitrag erschien am 2. Juli 2026 in leicht abgeänderter Form als Radiokritik in der Sendung Büchermarkt im Deutschlandfunk. Unter diesem Link kann man den Beitrag hören.]
Über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten – beginnend in den 1960er Jahren – legte der Bauingenieur William Lyttle ein weit verzweigtes Tunnelsystem unter seinem Grundstück in London an, das bis zu acht Meter in die Tiefe führte. Die Grabungsarbeiten blieben in seiner Nachbarschaft nicht unbemerkt; doch erst als der bauliche Zustand seines Hauses zu akuten Sicherheitsbedenken führte, schritten auch die Behörden ein. Ein gefundenes Fressen für die Boulevard-Presse, die Little fortan mit dem Namen „Mole Man of Hackney“ belegte. Die Beweggründe seiner Grabungen sind indes bis heute nicht geklärt.
Eingehend beschäftigt sich die tschechische Autorin Emma Kausc in Prolog und Epilog ihres Prosadebüts Handlungsstörung mit dem schillernden Exzentriker Little. Als Figur taucht dieser im Hauptteil des Romans – übersetzt von Martina Lisa und erschienen im Zeitkind Verlag – nicht auf, dient ihr aber als erzählerische Klammer. Denn sein Verschwinden von der Erdoberfläche und das manische Abtragen und Schürfen, das in seinem Viertel wiederholt zu Erosionen und Stromausfällen führte und auch ihn selbst konstant in Gefahr brachte – all das verweist auf zentrale Themen und Motive des Romans, der sich mit Trauer, Verlust, Erinnerung und dem Erzählen selbst auseinandersetzt.
Im Mittelpunkt von Handlungsstörung steht die in London lebende, Anfang 30-jährige Protagonistin und Ich-Erzählerin Emma. Innerhalb kurzer Zeit hat sie die zwei wichtigsten Frauen in ihrem Leben verloren: Ihre aus Tschechien stammende Mutter Zuzana ist an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Noch härter trifft sie der Verlust ihrer Partnerin Alyona, die von einem Tag auf den anderen verschwunden ist, spurlos, wie vom Erdboden verschluckt.
”„Was ich hier den Lesenden vorlege, ist der Versuch einer Liebeserklärung. Ich versuche systematisch, die Erinnerung in Worte zu übersetzen. In viele Worte. Ich tauche tief in die Erinnerungen ein, so tief, wie Alyonas Spuren reichen. Meine Bemühungen, sie in ihrer Gesamtheit zu erfassen, stoßen ständig an das Gedächtnis und seine Neigung, wichtige Teile unerzählt zu lassen. Was das Gedächtnis einmal verschluckt hat, kommt nur schwer als Ganzes wieder an die Oberfläche.“
Emma KauscHandlungsstörung
Emma schürft und gräbt in der Vergangenheit, erinnert sich an die erste Begegnung, Partys und gemeinsame Urlaube und interessiert sich insbesondere für die Frage, wie sich Geschichten und Leben erzählen lassen, die unerwartet oder gewaltvoll unterbrochen wurden. Eben darauf bezieht sich auch der Titel des Romans, der zunächst an einen psychopathologischen Befund denken lässt. Völlig abseitig ist das nicht, doch Handlungsstörung bedeutet hier in erster Linie: Störung oder Erschütterung der Erzählung.
Konsequenterweise wird auch die Handlung des Romans – in dessen Verlauf die Protagonistin ihren Job und ihre Wohnung in London aufgibt, nach Los Angeles zieht und hier enge Beziehungen zu einer Journalistin und einem Schriftsteller eingeht – immer wieder unterbrochen, verzögert und neu aufgerollt. Eingeflochten werden dabei Reflexionen zu ganz unterschiedlichen, zeitgeistigen Themen wie Queerness, Klasse, Klima, Migration und nationaler Identität, zudem unzählige Auseinandersetzungen mit Werken aus Literatur, Kunst und Film.
Die Anlage des Romans ist durchaus interessant, doch die Autorin will schlichtweg zu viel auf einmal. Ihr Text ist völlig überfrachtet und scheitert letztlich an den eigenen Ambitionen. Dies nicht nur auf einer thematisch-inhaltlichen Ebene, sondern insbesondere auch auf dem Gebiet der Sprache: zu viele Bilder und Metaphern, die sich mitunter widersprechen, zu viel ungebrochener Pathos – wie etwa in dieser Begegnung mit der Journalistin Anne im von Waldbränden bedrohten Kalifornien:
”„Von der Küste her peitschen die wilden Wellen des Stillen Ozeans auf Santa Monica, können es jederzeit verschlingen, und im Süden lodern schon die Flammen des unaufhaltsamen Feuers […].
Emma KauscHandlungsstörung
Anne hebt meinen Arm über den Kopf und dreht mich zärtlich ein wenig. Bei dieser kaum merklichen Bewegung verliere ich fast das Gleichgewicht, mein Herz beginnt schneller zu schlagen, unruhig. Eine Hitzewelle überrollt mich, als würden die Flammen des unaufhaltsamen Feuers direkt an mir lecken.“
Der Begriff der Katastrophe findet im Roman Handlungsstörung mehr als sechzig Mal Verwendung. Fortwährend setzt das Buch auf große Gesten und maximale Eskalation und lässt dabei notwendige Zwischentöne, Humor und Ironie vermissen. Findet die Erzählerin an einer besonders prägnanten Aussage Gefallen, wiederholt sie diese bis zum Überdruss. Nahezu jeder Dialog erstickt an seiner Bedeutungsschwere; darüber hinaus werden die Figuren mit so vielen Attributen versehen, dass sie im Verlauf der Handlung immer schemenhafter werden und am Ende jegliche Eigenständigkeit einbüßen.
Der Über-Gebrauch von Zuschreibungen beschränkt sich nicht nur auf die Figuren, sondern setzt sich auch in anderen Bereichen fort, etwa in der Beschreibung von Räumen und Orten. Dabei kommt es mitunter zu unfreiwillig komischen Tautologien wie folgender: „Um das Teleskop schlängelte sich mäandrisch ein Weg.“ Viele weitere handwerkliche Fehler ließen sich aufzählen; Ungereimtheiten gibt es beispielsweise auch bei der Perspektive, da die Erzählinstanz mal über wenig, dann wieder über viel zu viel Hintergrundwissen und Inneneinsichten verfügt. All das ist sehr schade, denn Emma Kausc ist keine unoriginelle Erzählerin. Ihrem Roman hätte man deutlich mehr Zeit und ein gründlicheres Lektorat seitens ihres tschechischen Verlags gewünscht.
[Die Photos für diesen Beitrag entstanden in der Bourse de Commerce in Paris und zeigen Teile der Installation Cloud #07156 der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya.]
