Damir Ovčina: Zwei Jahre Nacht

Von 26.07. 2020 August 6th, 2020 Bücher

Ein Handtuch auf dem Boden. Unter dem gerahmten Spiegel eine alte Bürste und eine leere Zahnpastatube. Nasse Kartonverpackungen von Rasierklingen. Flecken auf dem Spiegel. Zwischen den Flecken ein blonder Bart und ein Gesicht. Zu einem Pferdeschwanz zusammengebundene Haare. Eine Gewehrsalve, plötzlich und kurz, bei der Brücke. Feuer in der Häuserreihe gegenüber. Geschrei im Treppenhaus. Jemand läuft über den Hof. Sarajevo im Krieg.

Von diesem Krieg erzählt der autobiographische Roman Zwei Jahre Nacht (Rowohlt Berlin, 2019) des bosnischen Autors Damir Ovčina. Das Buch, übersetzt von Mascha Dabić, umfasst 750 Seiten. Davon ist keine Seite überflüssig und kein Wort zu viel. Denn jedes Detail zählt in diesem gewaltigen Roman – gewaltig nicht nur im Umfang, sondern auch in der Darstellung von Grausamkeiten: von Deportationen, Vergewaltigungen, Folter und Mord. Es ist der Anlage und Form, vor allem aber der Erzählposition und -haltung des Romans geschuldet, dass sich dieser Bericht aus dem Herzen der Finsternis überhaupt ertragen lässt. Denn das Buch wird aus der Perspektive eines jungen Mannes erzählt, der bei Ausbruch des Bosnienkrieges gerade 18 Jahre alt ist und kurz vor seinem Schulabschluss steht. Seine präzisen, gleichsam aber distanzierten Schilderungen sind nie effekthascherisch, vulgär oder indiskret. Darüber hinaus arbeitet der Text – sowohl auf inhaltlicher als auch auf sprachlicher Ebene – mit zahlreichen Auslassungen und Verkürzungen, die die Rezipient*innen dazu herausfordern, Zusammenhänge selbst herzustellen.

Die Handlung des Romans setzt im Jahr 1992 ein. Die Mutter des namenlosen Protagonisten erkrankt und muss mit dem Leben ringen. Nach vielfachen Aufenthalten im Spital wird sie diesen Kampf verlieren. Zu diesem Zeitpunkt mehren sich die Nachrichten über einen möglichen Kriegsbeginn. Dennoch besucht der Ich-Erzähler ein Mädchen im Stadtteil Grbavica, in dem die Familie eine kleine Zweitwohnung besitzt. Am Abend kann er dieses Viertel nicht mehr verlassen. Die Belagerung Sarajevos hat begonnen, der Bezirk wurde von den Serben besetzt. Als bosnischer Muslim wird er festgehalten und muss von nun an in einer Brigade arbeiten. Unter ständiger Bedrohung ist er dazu gezwungen, Sandsäcke zu tragen, bei Plünderungen zu attestieren und Leichen zu vergraben. Spuren sollen beseitigt werden. Nach etwa einem halben Jahr in der Arbeitsbrigade kann er sich befreien und in ein Versteck flüchten, wo er bis zum Ende der Kriegshandlungen im Jahr 1995 ausharrt. Einen so langen Zeitraum im Untergrund zu überleben, gelingt ihm nur durch die Unterstützung einer Nachbarin. Sie versorgt ihn nicht nur mit dem Notwendigsten (Nahrung und Literatur), sondern auch mit ihrer Liebe.

„Wir werden der Armee helfen, mit den Soldaten essen, niemand darf auch nur den Versuch wagen zu flüchten, denn die anderen werden dafür mit ihrem Kopf bezahlen, selbst wenn der eine Flüchtende es schafft, aber er wird es nicht schaffen, keine Chance.“

Damir OvčinaZwei Jahre Nacht

Die bosnische Originalausgabe des Romans – erschienen 2016 – trägt den Titel Kad sam bio Hodža, was so viel wie „Als ich ein Imam war“ bedeutet. Ein irritierender Titel, da ein geistliches Amt für gewöhnlich nicht abgelegt wird und ein ganzes Leben lang besteht. Doch die Irritation schwindet mit der Lektüre. Denn der Protagonist des Buches fungiert während seiner Zeit in der Arbeitsbrigade gewissermaßen als ein Hodža. Sein serbischer Kommandeur gestattet es ihm, ja fordert ihn direkt dazu auf, beim Verscharren der Toten muslimische Gebete zu sprechen. Auch in einer zentralen Szene des Romans, in der sich der Protagonist von seinen Peinigern befreien kann, spielt die ihm auferlegte Funktion eine maßgebliche Rolle.

Dass sich für die deutschsprachige Ausgabe von Kad sam bio Hodža für einen alternativen Titel entschieden wurde, ist nicht weiter verwunderlich. Wie ließe sich die Geschichte eines vermeintlichen Imams mit dem Bosnienkrieg in Verbindung bringen? Und so scheint Zwei Jahre Nacht zunächst gut gewählt, deutet sich darin doch eine lange Phase der Dunkelheit, Furcht und Gefahr an. Diese Finsternis aber währt deutlich länger als zwei Jahre. Der Zeitrahmen deckt sich nicht mit dem Leben des Protagonisten im Verborgenen. Die gesamte Handlung des Romans erstreckt sich sogar über vier Jahre. Wie es zu dieser Verlagsentscheidung kam, lässt sich schwer nachvollziehen. Plausibel hingegen ist der Rückgriff auf die Nacht, die im Text eine ambivalente Konnotation erfährt. Einerseits steht sie für den Kriegsbeginn, andererseits eröffnet erst sie für die Liebenden den Möglichkeitsspielraum, Zeit miteinander zu verbringen und zueinander zu finden. So wie Romeo und Julia sehnen sie die Nacht herbei und hoffen, “dass es gar nicht mehr hell wird“.

Der Verweis auf die bekannte Shakespeare-Tragödie mag abgedroschen wirken. Doch gewisse Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen. Abgesehen davon, dass der Protagonist das Gebäude, in dem er Unterschlupf findet, häufig über den Balkon betritt, gehören auch die Liebenden des Bezirks Grbavica zwei verfeindeten „Familien“ an: Sie ist bosnische Serbin, er bosnischer Muslim. Die beiden befinden sich offiziell im Krieg miteinander. Ihre jeweilige Zugehörigkeit zum serbischen bzw. bosniakischen „Volkskörper“ bezeugen bereits ihre Nachnamen, auf die im Roman wiederholt Bezug genommen wird. Sie sind von eminenter Bedeutung, entscheiden sie im besetzten Sarajevo doch über Leben und Tod. Genannt werden diese Namen jedoch an keiner Stelle. Auch die Namen weiterer Figuren spart der Text großzügig aus. Unterschieden wird das Personal des Romans im Regelfall durch Beruf, Funktion oder gesellschaftliche Rolle: der Musiker, der Kommandeur, die Großmutter. Körperliche oder charakterliche Eigenschaften finden kaum Erwähnung, relevant für die Figurenbeschreibung sind vorrangig die Kleidung, die Art der Waffe oder das Automodell, das einer Person zur Verfügung steht.

Zwei Jahre Nacht verfügt über keinen Spannungsbogen im klassische Sinne. Einige Längen – gerade im Mittelteil, der sich dem Arbeitsdienst des Protagonisten widmet und fast 500 Seiten einnimmt – werden bewusst in Kauf genommen. Spannung erzeugt der Roman dennoch. Sie wird einerseits durch die komplexe Auslassungstechnik und andererseits durch die unkonventionelle literarische Form erreicht, derer sich das Buch bedient: Zwei Jahre Nacht bewegt sich auf inhaltlicher Ebene zwischen pedantischer Akribie und völliger Vagheit. Während einzelne Räume, Handgriffe oder Rituale (sie betreffen häufig die Nahrungsaufnahme) detailliert beschrieben werden, bleiben andere Aspekte, darunter die Gefühls- und Gedankenwelt der Charaktere, oft gänzlich unkonkret. Es wird viel benannt, aber wenig erklärt in diesem Roman, was eine gewisse Desorientierung nach sich zieht. Diese Verwirrung ist gewollt.

„Im Licht der Öllampe verfasse ich den heutigen Bericht, ich packe das Paket Sätze aus, die ich mir gemerkt habe, füge Teile hinzu und streiche andere. Ich lese, dann füge ich etwas hinzu, dann streiche ich etwas durch, dann schreibe ich noch ein paar Sätze.“

Damir OvčinaZwei Jahre Nacht

Nicht nur die inhaltliche Ausgestaltung, sondern auch die literarische Form des Romans ist schwer zu greifen. Viele Passagen erinnern an tagebuchartige Notizen, wirken roh und unvollständig und erzeugen dadurch ein hohes Maß an Authentizität. Umso mehr, als dass paratexuell auf den autobiographischen Gehalt des Romans hingewiesen wird: Einem Text auf dem Buchumschlag ist zu entnehmen, dass Damir Ovčina selbst während des Bosnienkriegs im Stadtteil Grbavica eingeschlossen war. Gleichsam aber betont der Roman an vielen Stellen seine eigene „Gemachtheit“. Es ist ein Kunstprodukt, das seinen artifiziellen Charakter offen herausstellt und seinen Schreibprozess kritisch reflektiert. Die verknappte Sprache, der häufige Verzicht auf Verben und die Vermeidung von Anführungszeichen, all das ist alles andere als willkürlich. Die daraus resultierenden Leerstellen müssen von den Lesenden selbst gefüllt werden. Das Buch will Fragen stellen, an einfachen Antworten und Schuldzuweisungen ist es nicht interessiert. Womöglich gibt es davon bereits genug.

In der zweiten Ausgabe der Literaturpalast Audiospur spreche ich mit Mascha Dabić über ihre Übersetzung des Romans von Damir Ovčina.

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