Sandra Gugić: Zorn und Stille

Von 25.10. 2020 Bücher

Der Hase ist tot. Ein Feldhase, der die falsche Abkürzung genommen hatte und vor ihr Autor lief. Im Sommer 1977, auf der ersten Reise der Eltern von Jugoslawien nach Wien. Die Straße verlassen, der Geruch verbrannter Reifen. Das Tier ausgestreckt, der helle Bauch verklebt vom Blut, die Augen weit geöffnet. Mehr Traumbild als Wirklichkeit.

Das Kaninchen, das Azra Banadinović ihrer Tochter Bilijana einst schenkte, erinnerte sie unentwegt an den damaligen Unfall. An ihren mühsamen Alltag als Bauernkind ebenso. Sie mochte keine Tiere. Und deshalb musste das Langohr die enge Wiener Wohnung bald verlassen, seine Kötel woanders verteilen. Aber warum erzählt sie ihrer Tochter jetzt davon? Jahre später, völlig unvermittelt am Telefon? Sie benötigt eine Geschichte. Irgendeine. Eine Nachricht, die eine weitere aufschiebt. Verzögert. Verdrängt. Und doch nicht aufhalten kann. Die Nachricht lautet: Dein Vater Sima ist tot.

Notwendiges Ende für den Anfang einer Erzählung. Dieser Erzählung. Der Geschichte der serbisch-österreichischen Gastarbeiter*innenfamilie Banadinović, die der Roman Zorn und Stille (Hoffmann und Campe, 2020) der Schriftstellerin Sandra Gugić aus unterschiedlichen Perspektiven und auf verschiedenen Zeitebenen schildert. Im Zentrum des Buches steht Bilijana, die Tochter der Familie, die früh von zu Hause auszieht, ihren jüngeren Bruder zurücklässt, mit einer Frau zusammenlebt, rastlos zwischen verschiedenen Metropolen hin und her pendelt, Karriere als Photographin macht und sich als solche Billy Bana nennt.

Dieses Leben führt zu zahlreichen inneren Konflikten und Schuldgefühlen, aber auch zu schweren Zerwürfnissen mit den Eltern, die in den 70er Jahren aus dem serbischen Teil Jugoslawiens nach Wien gekommen sind. Ihr oberstes Gebot ist fortan dasjenige aller „braven Migranten: um keinen Preis auffallen oder Aufsehen erregen, unsichtbar und unangreifbar sein vor den Blicken und dem Urteil der Anderen. Sie waren Gastarbeiter, ihr Bleiben war nicht vorgesehen.“ Zorn (Unverständnis, Streitgespräche, offene Konflikte) und Stille (Sprachlosigkeit, Schweigen, aktive Gesprächsverweigerung) bestimmen das Familienverhältnis. Diesem widmet sich der Roman jedoch in empathischer Weise, ohne zu moralisieren. Die einzelnen Kapitel beleuchten ein jedes Familienmitglied, was letztlich dazu führt, dass vermeintliche Unterschiede und Gegensätze nach und nach verwischen und sich immer weiter auflösen.

Der Tod des Vaters ist der notwendige Ausgangspunkt des Romans. Tatsächlich aber setzt Zorn und Stille mit gleich mehreren, ganz unterschiedlichen Formen des Abschieds ein: Der Prolog schildert den Auszug aus einer Wohnung. Um welche Wohnung es sich dabei handelt, gibt erst das Schlusskapitel des Buches preis. Das erste Kapitel, das aus der Ich-Perspektive Billy Banas erzählt wird, zeigt die Getriebene am Flughafen. Sie fliegt nach Belgrad und lässt ihren temporären Wohnort Budapest hinter sich. Den sie wiederum gewählt hat, um die Beziehung zu ihrer Freundin Ira Goldfarb hinter sich zu lassen. Grund ihrer Reise nach Serbien ist der Tod ihres Vaters Sima, der in Belgrad beerdigt wird. Ein Abschied für immer. Unter den abergläubischen Alten im serbischen Dorf der Mutter heißt es: „Wenn du ein Ende erreicht hast, kommt der Anfang zu dir.“

„[Die Photographie] ist das absolut BESONDERE, die unbeschränkte, blinde und gleichsam unbedarfte KONTINGENZ, sie ist das BESTIMMTE (eine bestimmte Photographie, nicht die Photographie), kurz, die TYCHE, der ZUFALL, das ZUSAMMENTREFFEN, das WIRKLICHE in seinem unerschöpflichen Ausdruck.“

Roland BarthesDie helle Kammer. Bemerkung zur Photographie

Am Anfang von Zorn und Stille – in einem Einschub – steht geschrieben: „Es geht hier nicht um mich. Es geht um ein Auge. Es ist der Blick, der die Geschichte zusammenhält.“ Wiewohl die Ich-Erzählerin Billy Bana, deren Kapitel einen Großteil des Romans ausmacht, nicht unbedingt als eine unzuverlässige Erzählerin auftritt, ist ihre Perspektive doch durch eine déformation professionnelle geprägt. Sie ist Photographin, ihr Blick auf die Welt ist ein photographischer Blick. Sie sieht und denkt in Bildern. Gugićs Entscheidung, die Geschichte einer serbischen Migrant*innenfamilie über weite Strecken durch die Augen einer queeren Photographin zu erzählen, lässt sich auch als eine feministische Kritik am male gaze verstehen. Eine Kritik an einem vereinnahmenden, hetero-normativen Blick auf Politik und Gesellschaft, Staat und Nation, Begehren und Körper. Als eine Kritik an den gängigen Konventionen von Weiblichkeit und Familie.

Doch nicht nur das Kapitel über Billy Bana folgt einem photographischen Prinzip. Auch die Abschnitte, die die weiteren Familienmitglieder fokussieren – die Mutter Azra, den Vater Sima, den Bruder Jonas Nevin –, sind durchzogen von Bildern und Bildhaftigkeit. Pictures and images. Ein gesticktes Bild von Tito, das wiederum auf einem Porträt des jugoslawischen Machthabers basiert. Photos und Fernsehbilder des Jugoslawienkrieges, die in den 1990er Jahren in das Leben der Familie dringen und deren Identität und Selbstverständnis infrage stellen. Erinnerungsbilder und Selbstbilder. Sie tauchen immer wieder auf, treiben die Handlung voran, bestimmen Entscheidungen, charakterisieren die Figuren und ihr Verhältnis zueinander. Immer dann, wenn die verbale Kommunikation versagt (und das ist oft der Fall), treten Bilder an die Stelle eines Gesprächs und der offenen Auseinandersetzung.

„Das Fotografierte, das langsam den Weißraum einnimmt und ihn mit Inhalt füllt, ein Bild, nicht von Hand generiert, sondern durch Auge, Licht und chemische Prozesse. Scheinbar aus dem Nichts nahmen die Züge meines Bruders auf dem Papier Gestalt an, dort, wo Leere gewesen war, zeichnete sich nach und nach sein Gesicht ab […].“

Sandra GugićZorn und Stille

Die zitierte Passage – die Entwicklung einer Photostrecke, aufgenommen nach einem Wiedersehen der Geschwister Billy und Jonas Nevin – steht paradigmatisch für den gesamten Roman, der der Entwicklung einer Photographie gleicht. Konturen werden geschärft, Umrisse zeichnen sich ab, Unbestimmtes wird bestimmt. Literatur als bildgebendes Verfahren. Und dies im besten Sinne. „In der Photographie gibt es keine ungeklärten Schatten.“ Lieber August, hier glücklicherweise schon.

Kommentar verfassen

Ihre Daten werden bei Absenden des Kommentars in einer Datenbank gespeichert. Bitte beachten Sie dazu unsere Datenschutzerklärung.