Narine Abgarjan: Vom Himmel fielen drei Äpfel

By 09.08. 2026 Bücher

[Dieser Beitrag erschien am 7. Juli 2026 in leicht abgeänderter Form als Radiokritik in der Sendung Büchermarkt im Deutschlandfunk. Unter diesem Link kann man den Beitrag hören.]

Ein entlegenes Dorf in den armenischen Bergen, nahezu abgeschnitten von Zivilisation und Fortschritt: Das fiktive Örtchen Maran – Hauptschauplatz des Romans Vom Himmel fielen drei Äpfel von Narine Abgarjan, aus dem Russischen übersetzt von Maria Rajer und erschienen im List Verlag – ist wie aus der Zeit gefallen. Einst lebten hier um die 500 Familien, mittlerweile sind nur noch wenige Höfe bewohnt. Kriege, biblisch anmutende Insektenplagen, lange Dürreperioden und sich daran anschließende Hungersnöte brachten Tod und Elend mit sich. Wer konnte, verließ die Gemeinde. Zurück blieben nur die Alten, die ihre Angehörigen auf dem Friedhof nicht allein lassen wollten.

„[K]einer dachte auch nur im Entferntesten an das Dorf. Das einzige Fahrzeug, das sich in Maran sehen ließ, war immer noch der Rettungswagen, um den zu rufen, musste man telegrafieren – eine andere Verbindung zur Außenwelt hatte Maran nicht. Im Tal hatte man die Handvoll sturer Greise aus Maran, die sich seinerzeit geweigert hatten, vom Gipfel des Manisch-Kara herunterzukommen, offenbar längst vergessen.“

Narine AbgarjanVom Himmel fielen drei Äpfel

Das Leben im Bergdorf ist geprägt von harter Arbeit, strengen Sitten und tradierten Bräuchen. Das Weltgeschehen dringt nur in Form alter Zeitungen und Broschüren in den Ort, die der Postbote alle zwei Wochen im Gepäck hat. Genutzt werden diese, um Feuer zu entfachen oder Zigaretten zu drehen, nicht um sie zu lesen. Die meisten Dorfbewohner sind Analphabeten. Abergläubisch vertrauen sie Wahrsagern, Wunderheilern und den Kräften der Natur, nicht der Technik oder modernen Medizin.

Dies nicht völlig grundlos, denn magische Ereignisse sind in Maran keine Seltenheit: Wiederholt erscheinen Tote den Lebenden im Schlaf; die Sehergabe eines Jungen rettet das Dorf in einem harten Winter vor einer Schneelawine. Der magisch-märchenhafte Charakter des Romans ist bereits in dessen Titel eingeschrieben. Denn dieser zitiert ein altes armenisches Sprichwort, das da lautet:

„Und vom Himmel fielen drei Äpfel:
Einer für den, der es sah,
einer für den, der es erzählte
und einer für den, der versteht.“

Dieses Sprichwort – Sinnbild für die Kraft des Erzählens und der Empathie – ist die übliche Abschlussformel armenischer Sagen und Märchen; vergleichbar dem deutschen „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Nicht nur inhaltlich, sondern auch auf stilistischer Ebene verortet sich Abgarjan in dieser Tradition. Die einfach gehaltene Sprache sowie Wendungen und Bilder, die sich nur selten um Originalität bemühen – sie sorgen dafür, dass die Fremde der armenischen Berge schnell vertraut erscheint.

In zahlreichen Episoden erzählt der Roman von den teils skurrilen Charakteren der kleinen Ortschaft: von der ehemaligen Bibliothekarin Anatolia, die sich – fest überzeugt von ihrem baldigen Ableben – zum Sterben in ihr Bett legt und doch immer wieder aufwacht; vom wortkargen Schmied Wassili, der nach dem Tod seiner Ehefrau nicht mehr allein sein will; oder von der unbeholfenen Walinka, die alte Hefe in ihrem Plumpsklo entsorgt und damit eine kleine Katastrophe auslöst. Liebevoll, bisweilen auch arg lieblich, widmet sich die Autorin diesen und weiteren Figuren.

Auch eine Nähe zum magischen Realismus macht der Text für sich geltend, indem an einer Stelle der Titel des bekanntesten Romans von Gabriel García Márquez eingeflochten wird. Gerade die politische und gesellschaftskritische Dimension von Hundert Jahre Einsamkeit sucht man im Werk von Narine Abgarjan jedoch vergebens.

Bereits im Jahr 2001 ist ein Roman erschienen, der das besagte armenische Sprichwort in ganz ähnlicher Weise aufgegriffen hat: Drei Äpfel fielen vom Himmel der US-amerikanisch-armenischen Schriftstellerin Micheline Aharonian Marcom. Dabei handelt es sich um einen dezidiert politischen Text, der sich mit dem Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs beschäftigt.

Krieg und Genozid finden bei Abgarjan nur am Rande Erwähnung. Es ist das gute Recht der Autorin, diese Aspekte auszusparen. In anderen, noch nicht ins Deutsche übersetzten Texten, hat sie sich sehr deutlich mit der Geschichte Armeniens und dem konfliktreichen Verhältnis der Kaukasusrepublik zu seinen Nachbarländern auseinandergesetzt.

Und doch muss sie sich die Frage gefallen lassen, warum sie den Roman so konkret im 20. Jahrhundert in Armenien verortet – was aufgrund der märchenhaften Anlage gar nicht notwendig gewesen wäre –, den politischen und historischen Kontext aber fast vollständig ausblendet. Womöglich hat sie ihrer Heimat ein Denkmal setzen wollen. Denn viele Bräuche und Speisen im Buch verweisen auf die Region Tawusch im Nordosten Armeniens, in der die Autorin aufgewachsen ist. Und so ähnelt ihr Blick demjenigen der Figur Nastassja – einer jungen Frau, die den Heimatort ihres Mannes besucht und davon Bilder anfertigt.

Überhaupt erschien das ganze Dorf auf Nastassjas Zeichnungen so, wie es schon lange nicht mehr war. Als würde sie absichtlich alle Spuren des Alters und Verfalls umgehen und nur die Ruhe und Idylle behalten. Sie schien dieser ihr fremden Gegend mit solch einem Mitgefühl und Verständnis zu begegnen, als trüge sie persönliche Verantwortung für deren bitteres Schicksal. Es gelang ihr auf bemerkenswerte Weise, das hervorzuheben, was die Alten längst nicht mehr bemerkten.“

Narine AbgarjanVom Himmel fielen drei Äpfel

Mit großer Zuneigung, wenn auch etwas gefühlig, erzählt Vom Himmel fielen drei Äpfel von den Schicksalsschlägen, Träumen und Wünschen der archaischen Gemeinschaft in den armenischen Bergen. Geschickt und oftmals überraschend werden darin die Lebenslinien der unterschiedlichen Figuren miteinander verknüpft. Abgarjans handwerklich sehr gut gearbeiteter Roman ist Wohlfühlliteratur ohne politischen Anspruch, aber mit sehr viel Charme und einem hohen Unterhaltungswert. Nicht zu Unrecht bezeichnete die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzjaka das Buch als „Balsam für die Seele“.

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