Dimitré Dinev: Zeit der Mutigen

By 28.06. 2026 Bücher

„Die vielen Erzählstränge verflochten und verknoteten sich vor Metos Augen, machten ihn trunkener als der Wein, brachten ihn jedes Mal an einen neuen unerwarteten Ort, sodass er, anstatt mehr, sich immer weniger auskannte.“

Dimitré DinevZeit der Mutigen

Ihren Anfang nahm die ganze Sache im Sommer des Jahres 2007. Ich hatte gerade zwei Erasmus-Semester an der Uni Wien abgeschlossen, blieb aber noch für einen Moment in der Stadt, um ein Praktikum im Zsolnay Verlag zu absolvieren. Hier wurde ich auf allerhand Autor:innen – oft mit einem Bezug zu Mittel- und Osteuropa – aufmerksam gemacht, die ich vorab noch nicht kannte. Dazu gehörte auch der im bulgarischen Plowdiw geborene und seit Anfang der 90er Jahre in Wien lebende Schriftsteller Dimitré Dinev.

Dinev hatte wenige Jahre zuvor im Deuticke Verlag (ehemaliges Imprint von Zsolnay) einen Roman und Erzählband veröffentlicht. Gerade der Roman mit dem Titel Engelszungen war ein beachtlicher Erfolg. Das Buch erhielt einige Preise und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Gelesen habe ich es damals trotzdem nicht. Zu Hause warteten zwei Hausarbeiten darauf, von mir geschrieben zu werden, und auch die 600 Seiten schreckten mich ab. Doch ich war im Akademietheater und sah mir mit zwei Freunden sein Stück Das Haus des Richters an. Gefallen hat es uns allen nicht. Und so verlor ich vorerst auch mein Interesse an den Büchern des Autors.

Um Dinev wurde es dann lange Zeit ruhig. Zwar widmete er sich Theater- und Filmprojekten, hielt Reden, schrieb Erzählungen und Essays, doch mit einem zweiten Roman war fast nicht mehr zu rechnen. Dann aber erschien im September 2025 – über zwanzig Jahre nach dem Debüt – der Roman Zeit der Mutigen im Kein & Aber Verlag. Dimitré Dinev war plötzlich wieder in aller Munde, gerade in Österreich wurde das Werk mit großer Begeisterung aufgenommen. Wenig überraschend wurde der Autor dafür im vergangenen Herbst mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet.

Ich saß am Abend der Preisverleihung im Publikum und drückte einer anderen Autorin die Daumen, freute mich aber für Dinev – auch weil seine eigene Freude so ansteckend war. Anschließend trank ich drei Gläser Wein, plauderte mit einigen Bekannten und machte mich auf den Heimweg. Die Zeit der Mutigen würde ich gewiss nicht lesen, dachte ich mir angetüddelt in der U-Bahn. Aus ganz banalen Gründen: Der Roman war tatsächlich noch umfangreicher als das Debüt des Autors. In etwa doppelt so dick. Fast 1200 Seiten.

Und dann kam wie üblich alles anders. Denn ein paar Wochen später erhielt ich die Anfrage, Dimitré Dinev während der Solothurner Literaturtage zu moderieren. Ich freute mich sehr über diese Einladung, konnte unmöglich absagen und hatte nun doch einen guten Grund, mich an das Buch zu wagen. Aber alles zu seiner Zeit. Moderiere ich eine Lesung, bereite ich mich immer sehr kurzfristig darauf vor. Sonst habe ich bis zur Veranstaltung wieder alles vergessen. Die Anfrage erreichte mich im November 2025, das Festival fand erst im Mai 2026 statt. Bevor ich mich der Lektüre widmete, ging ich erstmal ins Museum. Im Kunsthaus Zürich gibt es eine Installation der Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist mit dem Namen Pixelwald Turicum. Die Arbeit nutzte ich für ein Buchphoto.

Da ich für mehrere Veranstaltungen in Solothurn gebucht war, musste ich mir die Lesezeit genau einplanen. Ich stehe meist relativ früh auf, lese aber sehr ungern am Vormittag. Das verkompliziert die Sache ein wenig. Bewältigt habe ich das Buch dann aber tatsächlich in sechs Tagen. Das war nur möglich, weil ich in dieser Zeit kaum andere Aufgaben hatte und es von morgens bis abends regnete, sodass ich das Haus im Grunde nicht verlassen konnte. Hilfreich war aber auch, dass Dinevs Roman so lesbar ist. Will heißen: Zeit der Mutigen ist sehr zugänglich. Das Buch beinhaltet viel Leben und Erfahrung, erzählt zudem von komplexen historischen Ereignissen und Entwicklungen, will aber unbedingt auch unterhalten – und ist mit diesem Vorhaben durchaus erfolgreich.

Dinevs Roman erstreckt sich über einen Zeitraum von fast 100 Jahren. Er beginnt am Vorabend des Ersten Weltkriegs und endet in den frühen 90er Jahren mit dem Zerfall des Ostblocks. Das Buch durchläuft verschiedene politische Systeme und spielt in mehreren Ländern, auf mehreren Kontinenten sogar, vornehmlich jedoch in Österreich und Bulgarien. Ein inhaltlicher Abriss erweist sich ob des Umfangs sowie der vielen Figuren und Verästelungen als einigermaßen schwierig. Das soll mich aber nicht davon abhalten, es zumindest zu versuchen.

„In dieser Sommernacht war Eva Nagel zur Donau gegangen mit der Absicht, sich ins Wasser zu werfen, aber stattdessen warf sie sich in die Umarmung des Infanterieleutnants Alois Kozusnik. Anstatt ihre Gefühle einem uralten Strom anzuvertrauen, lag auf einmal ihr Kopf auf der spärlich bewachsenen Insel einer fünfundzwanzigjährigen Männerbrust.“

Dimitré DinevZeit der Mutigen

In Zeit der Mutigen haben wir es mit drei großen, miteinander verwobenen Erzählsträngen bzw. Familienkonstellationen zu tun. Ein erster Strang führt nach Österreich: Hier begegnen wir einer jungen Frau namens Eva, die gleich zweimal vor dem Wasser (also dem Freitod) gerettet wird: einmal vom Leutnant Alois, den sie während ihrer Arbeit als Krankenschwester auf einem Schiff während des Ersten Weltkriegs wiederzufinden erhofft (was auch geschieht, aber nicht mit dem erhofften Ergebnis); ein weiteres Mal vom Fischer Xaver Kniewasser, einem ruhigen Außenseiter aus der Wachau, mit dem sie dann letztlich zusammenkommt. Gemeinsam erleben sie den Zerfall der Monarchie und die Geburt der gemeinsamen Tochter Angela. Auch diese hat eine enge Verbindung zum Wasser, wird erwachsen und heiratet den Bäcker Helmut, der als glühender Nationalsozialist in den Zweiten Weltkrieg zieht und aus diesem nicht wieder zurückkehren wird.

Im zweiten Strang verfolgen wir eine Gruppe von Roma rund um deren Anführer Gjuro. Gemeinsam ziehen sie durch Bulgarien, sind als Musiker und Unterhaltungskünstler gefragt, und doch systematisch von Ausgrenzung und Rassismus betroffen. Vornehmlich dreht sich das Geschehen um den Schwiegersohn des Anführers mit dem Namen Barko. Er wird Ende der 1940er Jahre, also zur Zeit des Kommunismus, in einem Akt der Willkür festgenommen und muss mehre Jahre in Arbeits- und Konzentrationslagern verbringen, bevor er zu seiner Frau und seinem Sohn zurückkehren kann. Dass er sich in Gefangenschaft politisiert hat, verkompliziert nicht nur sein Verhältnis zu den bulgarischen Behörden, sondern auch zu seiner eigenen Familie.

Im dritten Strang lernen wir die Hirtin Neda kennen, die abgeschieden in Bulgarien lebt und ein einfaches Leben führt, das vor allem der Arbeit und Pflichterfüllung gewidmet ist. Unerwartet tritt die Figur Meto (die Figur hat verschiedene Namen) in ihre Leben – ein Österreicher, der vorab als Wehrmachtssoldat in den Krieg ziehen musste, in Griechenland desertierte und sich dann in Bulgarien der Gruppe rund um Gjuro anschloss. Erneut gezwungen, in den Krieg zu ziehen, wurde er von Rotarmisten aufgegriffen und zum Tode verurteilt. Wie durch ein Wunder überlebte er seine Exekution mit einer Kugel im Kopf, verlor dabei jedoch sein Gedächtnis. Neda pflegt den Unbekannten und es kommt zu einer Annäherung, aus der dann eine Tochter hervorgeht.

Zeit der Mutigen ist überbordend in seiner Anlage, ist randvoll gefüllt mit Figuren, Geschichten und Schauplätzen und verlangt nach einer aufmerksamen Lektüre. Man kann (und sollte) sich in diesem Roman verlieren. Ein gewisses Maß an Verwirrung scheint durchaus gewünscht zu sein. Ganz am Ende des Buches gibt es zwar einen Stammbaum (den Dinev nicht wollte), der Verwandtschaftsverhältnisse deutlich macht, doch ist dieser unvollständig. Die jüngeren Gegenrationen sind auf diesem Schaubild, auch welchem Grund auch immer, nicht verzeichnet.

Dimitré Dinevs Roman greift zahlreiche politische Ereignisse auf, erzählt von Kriegen, Machtwechseln und veränderten Staatsgrenzen. Im Fokus stehen jedoch die persönlichen Geschichten und Schicksale der Figuren, vermeintlich gewöhnlicher Menschen, die sich bis auf wenige Ausnahmen als eher unpolitisch verstehen, von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer Zeit jedoch erfasst werden, wie von einer Überschwemmung (an denen es im Buch nicht mangelt). Gewissermaßen erzählt der Roman Geschichte also „von unten“. Aufgrund dieser Perspektive musste ich beim Lesen oft an den Historiker Eric Hobsbawm und sein Buch Das Zeitalter der Extreme denken. Allein schon weil die Bücher einen ähnlichen Zeitraum in den Blick nehmen – und zwar das „kurze 20. Jahrhundert“ (1914 – 1991), wie es bei Hobsbawm heißt.

Daraus ließe sich eine Frage machen, dachte ich mir beim Lesen. Solcherart Überlegungen bestimmen meine Lektüre vor einer Moderation. Worüber lässt sich reden, was ist für Publikum und Autor interessant? Man möchte niemanden langweilen, auch sich selbst nicht. Das Buch machte es mir einfach, viele Motive und Themen finden sich darin, Fragen zum langjährigen Entstehungs-, Recherche- und Schreibprozess liegen ohnehin auf der Hand. Fragen und Notizen schreibe ich mir immer mit Bleistift ins Buch; die meisten Anmerkungen sind komplett banal (Namen, Orte, Ausrufezeichen oder Kreuze), dienen aber der späteren Orientierung.

Natürlich habe ich auch kritische Anmerkungen zum Buch, nicht alles daran gefällt mir. Der Umfang des Romans mag die Konventionen sprengen und in gleich mehrfacher Hinsicht ein Risiko darstellen. Doch das sollte nicht davon ablenken, dass die Zeit der Mutigen auf einer formalen und sprachlichen Ebene kaum Wagnisse eingeht. Das Buch ist mitreißend, aber doch sehr klassisch erzählt. Das ist legitim und wird die wenigsten Leser:innen stören; meine eigene Begeisterung hat dieser Punkt jedoch etwas gedrosselt.

Wirklich problematisch und oft unfreiwillig komisch sind in diesem sonst so gelungenen Roman hingegen diejenigen Szenen, in denen es körperlich wird und in denen Sexualität oder Verdauungsprozesse eine Rolle spielen. Die hätte das Lektorat ohne Bedenken einfach streichen sollen. „Seine Ohren begannen zu glühen, seine Fantasie schaltete auf Volldampf.“ heißt es da zum Beispiel, oder: „Ein Scheiß, ein großer Scheiß ist das, dachte er, und sein Darm gab ihm recht.“

Nun sind Lesungen und Buchpräsentationen jedoch eine recht affirmative Angelegenheit, man konzentriert sich also auf das Positive. Und tatsächlich war die Veranstaltung in Solothurn eine feine Sache. Der Saal war voll und Dinev bester Laune. Viele Fragen musste ich gar nicht stellen, weil der Autor ausschweifend und lebhaft von seinem Roman erzählte. Ich war zufrieden. Anschließend trank ich drei Gläser Wein, plauderte mit einigen Bekannten und machte mich dann auf in meine Unterkunft. Mal schauen, was die nächste Moderation bringt, dachte ich mir angetüddelt im Hotelbett.

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